Ist das Kunst oder kann das in die Charts? Lady Gaga antwortet: beides. Und singt dazu „Ra ra ah ah ah“. Die Pop-Ikone hat Dada und Dancefloor vermählt. Demnächst tritt sie selbst vor den Traualtar. Davor wird aber noch der 40. Geburtstag gefeiert. Wir stellen uns fürs Gratulieren in die Warteschlange und schwärmen von einer Frau, die alles kann. Außer langweilen.

Berlin Fashion Week 2008. Es ist fünf vor Durchbruch für einen der größten Stars im neuen Jahrtausend. Doch nach der Modenschau von Michalsky schwatzt die teutonische Sektglas-Presse über geladene Gäste wie „Tatort“-Komissarin Andrea Sawatzki und Gaudi-House-Produzent Mousse T.. Über jene Frau, die mit kanariengelben Kleid und roter Kapuze neben dem Laufsteg sitzt und später das Aftershow-Konzert in einer ehemaligen Straßenbahngarage spielt, verliert dagegen kaum jemand ein Wort: „Lady Gaga? Wie schreibt man das? Oh, egal, Barbara Schöneberger ist grad durch die Tür gekommen!“ Es wird das letzte Mal sein, dass Lady Gaga nicht der Main Event ist. Ein halbes Jahr später hat sie zwei weltweite Nummer-1-Hits und die Popmusik eine kompromisslose Visionärin, deren Kunst weit über das Tonstudio hinausgeht.


For God, Gays and Greatness
Doch zunächst war Stefani Germanotta jemand, der im Getöse von Fleischtheken-Looks und Feuerregen-Choreographie manchmal vergessen wird: eine herausragende Sängerin. Als solche tingelte Stefani durch verrauchte Clubs und Bars in New York City, nachdem sie das Studium an einer Kunstschule vorzeitig abgebrochen hatte. Ihre Stimme schenkte Gaga schon damals mit Vorliebe den AußenseiterInnen, die im Underground des Big Apples ihre Einsamkeit brechen wie das Brot in der Kirche. Als Kind wegen ihrer auffälligen Nase und künstlerischen Ambitionen gemobbt, fühlte sich Stefani schon immer verbunden mit all jenen unter uns, die im Sportunterricht ganz zum Schluss ins Team gewählt wurden. Weil zu dick, zu dünn, zu queer, zu weird. Doch alle, alle waren zur Party eingeladen, als Lady Gaga in ihrem ersten Charterfolg befahl: „Just Dance!“


Die Tanzfläche war eröffnet. Die USA hatten 9 /11 verdaut und standen kurz davor, Hope and Change ins Weiße Haus zu wählen. Es war das letzte Jahrzehnt, das wir nicht durch den Bildschirm eines Smartphones erleben mussten. Dionysos, griechischer Gott der Ekstase, war unser Top Friend auf Myspace. Und niemand broadcastete auf Instagram, wie wir vor dem Club betrunken an die Wand pinkeln. Zur allgegenwärtigen Ausschweifung lieferte Gaga den Soundtrack. Und während Katy Perry kurz davor in ihrem Sommerhit ein girl kisste und es likte, hatte Gaga schon längst ihren Mantel an der Garderobe zur pansexuellen Orgie abgegeben.

Doch in Lady Gagas Tischbombe steckte mehr als eine Handvoll Electro-Pop-Banger und Outfits aus der Prêt-à-provocation Linie. Schon immer mehr David Bowie statt Britney inszenierte sich die Sängerin als anspruchsvolles Gesamtkunstwerk. Ihre Auftritte wirkten wie in einem Atelier erdacht statt im Marketingbüro kalkuliert. Den Spagat zwischen Kommerz und Avantgarde meisterte Lady Gaga auch auf ihrem zweiten Album. Mit „Born This Way“ 2011 wurde sie endgültig zur Mother der LGBTQ-Bewegung. Auf deren Daseins- und Gleichberechtigung pochte die Tochter einer katholischen Familie mit simpler Begründung: Gott macht in seiner Schöpfung keine Fehler. Schachmatt, christliche FundamentalistInnen.


O Say Can You See
Washington, D.C. 2021. Die Party ist vorbei. Doch Lady Gaga singt weiter. Diesmal vor den Augen der Welt. Joe Biden wird vor dem US Capitol als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Als Höhepunkt trägt Gaga die amerikanische Nationalhymne vor. Über ihrem Herzen trägt sie eine goldene Brosche von Schiaparelli in Form einer Friedenstaube. Eine Nation, die aus einer Pandemie und Massenprotesten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt wankt, braucht neuen Mut. In diesen knapp drei Minuten ist er, vielleicht, zum Greifen nah. Die Szene ist ein symbolisches Glanzstück in der Karriere von Stefani Germanotta. Doch innert vier Jahren endet der Flug der Friedenstaube endgültig an der Windschutzscheibe eines Cybertrucks mit MAGA-Sticker am Heck.


Oscar, Tony & Michael
Zum Zeitpunkt der präsidialen Amtseinführung war Gaga längst nicht mehr nur the First Lady of Pop. Zwei Jahre zuvor wurde sie dank ihrer Rolle in „A Star is Born“ als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert und gewann einen Academy Award in der Song-Kategorie. Ebenfalls 2019 gründete Gaga die Kosmetikmarke Haus Labs, deren Sortiment inzwischen über 120 Produkte umfasst. Ihre Born This Way Foundation sprach im vergangenen Dezember 5 Millionen Dollar an Wohltätigkeitsorganisationen, die sich um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen kümmern.
Auch Krisen im Kerngeschäft überstand die Künstlerin. Nachdem Kritik und Fans auf ihr drittes Album „Artpop“ verhalten reagierten, konzentrierte sich Gaga auf das, was sie schon immer war: eine herausragende Sängerin. Sie veröffentlichte das introspektive, folkige Werk „Joanne“ und verhalf als Duettpartnerin der Jazzlegende Tony Bennett zu einer Renaissance. Zeitweise zog sich Stefani aber auch komplett aus der Öffentlichkeit zurück, um physische und psychische Rückschläge zu verarbeiten. „Chromatica“ markierte 2020 die Rückkehr unter die Discokugel und das im letzten Jahr erschienene „Mayhem“ perfektionierte die Formel: Die naive Unbeschwertheit aus der „Just Dance“-Ära war verflogen. Hier sang jemand, der sich auf dem Dancefloor die Knie blutig geschlagen hatte und sich nicht davor scheut, die seelischen Narben der Vergangenheit im Scheinwerferlicht zu präsentieren.


Jetzt, kurz vor ihrem 40. Geburtstag, befindet sich Lady Gaga mit „The Mayhem Ball“ auf ihrer bislang erfolgreichsten Welttournee. Als Kulisse dient ein Opernhaus – dort, wo sich seit Jahrhunderten Kunst zum größten Drama aufschwingt. Als kreativer Berater steht Gaga Michael Polansky zur Seite. Ihre Mutter hat Stefani 2020 mit dem Unternehmer verkuppelt, im vergangenen Jahr gab das Paar seine Verlobung bekannt und kürzlich die baldige Heirat. Der Triumph von „Mayhem“ und seiner Konzertreise zeigen, dass ihr privates Glück die Künstlerin kreativ nur noch mehr beflügelt. Und so könnte jener Queen-Song recht behalten, der einst Lady Gagas Künstlerinnennamen inspiriert hat: „You had your time, you had the power, you’ve yet to have your finest hour.“

Icons of Style: Lady Gaga
Wäre die Met-Gala eine Olympische Disziplin, hätte Lady Gaga mehr Goldmedaillen als Amerikas Basketballer. Doch nicht nur am modischen Gipfeltreffen sorgten die Looks der Sängerin immer wieder für Furore. Modejournalistin Kristen Bateman analysiert in diesem reich bebilderten Buch die herausragendsten Outfits und macht Lust auf mehr Mut für die eigene Garderobe.
Kristen Bateman, „Icons of Style: Lady Gaga“, Hachette, 224 Seiten, ca. 30.—, hachette.co.uk

Was Mother Monster so treibt, verfolgst du am besten hier.
Fotos: © pa picture alliance (dpa)
Auch legendär und ikonisch: Dolly Parton.






