Zwei, drei Spritzer an den Hals – dann bist du auch wirklich du, bevor du am Morgen das Bad verlässt. Ein Parfumduft kann Teil von dir werden, wie die Augenfarbe oder der Klang deiner Stimme. Manche Bouquets sind so laut wie eine Marschkapelle, die eine Person ankündigt, bevor sie überhaupt den Raum betritt. Andere sind ein Flüstern, das wir erst wahrnehmen, wenn sich Haut auf Haut berührt. Marie Moehle hat auf der Suche nach ihrem Duft nicht dutzende Tester unter dem grellen Neonlicht von Shoppingzentren auf ihr Handgelenk gesprüht. Stattdessen hat sie in einer Phase des persönlichen Neubeginns ihr Unternehmen by MaryMary gegründet und damit das Parfum „escape the ordinary“ lanciert. Im Interview verrät sie uns, wann sie sich zuletzt aus der Komfortzone gewagt hat, was es mit der individuellen Wirkung von Molekülparfums auf ihre TrägerInnen auf sich hat und welche Gerüche sie mit Aufbruch, Ekstase und Heimkehr verbindet.


FACES: Dein Duft heißt „escape the ordinary“. Was war dein bislang gewagtester Sprung aus dem Alltag? Und wann hast du zuletzt etwas Ungewöhnliches getan?
Marie Moehle: Ich bin in meinem Leben schon oft gesprungen und in meinem Freundeskreis definitiv dafür bekannt, dass mich selbst ein Sprung von der Klippe nicht davon abhält, weiterzumachen. Der gewagteste war 2021: Ich habe meinen Job gekündigt, um etwas Eigenes aufzubauen. Gleichzeitig entstand eine Frage, die zunächst fast wie ein Nebenprojekt wirkte: Wie würde ein Parfum riechen, das meinen Charakter widerspiegelt? Daraus wurde später „escape the ordinary“. Der schmerzhafteste Einschnitt kam 2023, als Projekte scheiterten, in die ich mein Erspartes investiert hatte. Rückblickend hat mich genau das auf eine andere Ebene gebracht: Es hat meine Denkweise verändert und mir gezeigt, dass noch einmal neu anzufangen manchmal die mutigste Form von Freiheit ist. Ein Arzt sagte einmal zu mir: „Manchmal muss man ins kalte Wasser springen, denn es ist schön erfrischend.“ Dieser Satz ist mir geblieben. Zuletzt habe ich meine Freude am Alleinreisen wiederentdeckt. In den vergangenen Monaten war ich viel allein unterwegs und genieße es inzwischen sogar, abends allein im Restaurant zu sitzen. Gerade in diesen Momenten trifft man oft die spannendsten Menschen und ist am Ende viel weniger allein, als man denkt.
F: Welche Düfte oder Gerüche haben dein Leben geprägt? Welche wirst du nie vergessen?
MM: Das Faszinierende an Düften ist ihre unmittelbare Verbindung zu Emotionen und Erinnerungen. Ein Geruch kann dich in Sekunden in einen anderen Moment versetzen. Mein Faible für Nischendüfte begann 2014 auf Koh Lanta. In einem kleinen Boutique Hotel gab es ein Raumspray, dessen Duft sich mir regelrecht eingebrannt hat. Ich würde ihn bis heute sofort wiedererkennen. Damals habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was Duft auslösen kann.
F: Du hast „escape the ordinary“ zusammen mit dem Parfumeur Uwe Manasse entwickelt. Erzähle uns etwas über diesen Prozess. Wie hast du ihm deine Vision vermittelt? Habt ihr von Anfang an die gleiche Sprache gesprochen?
MM: Ich bin als Quereinsteigerin ohne Vorkenntnisse und ohne Kontakte gestartet. Die erste Runde ließ ich in Grasse entwickeln, aber es wurde nicht der Duft, den ich im Kopf hatte. Kurz dachte ich, das Ganze sei unrealistisch. Aber ich liebe Prozesse, von der Idee bis zum fertigen Produkt. Also habe ich weitergesucht, weitergelernt und schließlich Uwe gefunden. Meine Vision habe ich ihm nicht in klassischen Parfum-Begriffen erklärt, sondern über Bilder, Gefühle und Kontraste. Vor allem war mir eines sehr klar: Dieser Duft sollte für mich sein – eine Spiegelung meiner Persönlichkeit. Genau darüber haben wir schnell eine gemeinsame Sprache gefunden. Uwe hat die besondere Fähigkeit, Emotionen sehr präzise in Duft zu übersetzen.
F: Gab es konkrete Inspirationen für „escape the ordinary“? Bestimmte Orte, Menschen, Erinnerungen?
MM: Ja, schon der Name beschreibt einen Lebensabschnitt: raus aus dem Gewohnten. Ich wollte einen Duft kreieren, der sich wirklich stimmig nach mir anfühlt. Deshalb spielt „escape the ordinary“ mit Dualität: Er beginnt klar und holzig und entwickelt sich in eine seidenartige, fast kaschmirartige Hülle. Edel, selbstbewusst und charmant, aber nie aufdringlich. Ich liebe fließende, weiche Stoffe wie Seide, Viskose, Crêpe, Wolle oder Kaschmir: Materialien, die sich hochwertig anfühlen und dennoch mühelos wirken. Genau so ist auch mein Kleiderschrank aufgebaut: wie eine Art Uniform, in der sich alles kombinieren lässt. So sollte auch der Duft funktionieren – nicht als lautes Statement, sondern als selbstverständlicher Abschluss, der den Look abrundet und die Persönlichkeit unterstreicht.


„Meine Düfte werden weiterhin Lebensabschnitte widerspiegeln, mit denen sich viele Menschen identifizieren können.“
F: Das Parfum beruht auf der Molekül-Technologie. Erkläre uns diese genauer. Wie unterscheidet sie sich von klassischen Düften?
MM: Moleküldüfte wirken moderner und intimer, weil sie sich stärker mit der Haut verbinden. Sie sind oft weniger „laut komponiert“ und eher wie eine persönliche Signatur, die sich bei jedem Menschen etwas anders entfaltet. Das Spannende ist, dass diese Moleküle sehr fein arbeiten und stärker mit der individuellen Hautchemie reagieren. Dadurch entsteht eine persönliche Nuance, ohne dass der Charakter des Duftes verloren geht. Das Profil bleibt klar, aber die Entfaltung wird individueller.
F: Was ist das Spannendste, das du während der Kreation deines eigenen Dufts über Parfumerie gelernt hast?
MM: Wie präzise dieses Handwerk ist und wie sehr es Kreativität und Wissenschaft zugleich braucht. Schon kleinste Veränderungen in einer Mischung können alles verschieben. In unserem ersten Batch kam es sogar zu einer Reaktion zwischen Molekülen, der Duft ist regelrecht gekippt. Das war ein riesiger Aha-Moment. Und noch etwas wird oft unterschätzt: Düfte reifen. Sie entwickeln sich über Zeit weiter und riechen nach Wochen oft anders als am ersten Tag. Ein Duft ist also nicht einfach fertig, sobald man ihn mischt. Er bleibt ein Prozess.
F: Auch ein Raumduft in Form der Kerze „beyond the ordinary“ bietet by MaryMary an. Wie unterscheidet sich ihr Aroma vom Parfum?
MM: Als Quereinsteigerin dachte ich anfangs ganz naiv: Parfumöl mit Wachs mischen, Gefäß mit Docht – fertig. Die Idee für die Kerze gab es schon seit der Entwicklung des Parfums, aber es hat zwei Jahre gedauert, bis daraus ein Produkt wurde, das wirklich funktioniert. Eine Parfumeurin half mir dabei, die Formulierung so zu übersetzen, dass sie in Wachs stabil ist und gut performt. Dabei habe ich gelernt, wie exakt Docht, Wachs, Duftöl und Gefäß aufeinander abgestimmt sein müssen. Und trotzdem gehören beide in dieselbe Welt: Die Kerze ist die Atmosphäre, das Parfum die Signatur.
F: Wechseln wir vom Labor ins Büro. Die Herstellung eines Dufts ist das eine. Das andere ist der Aufbau einer komplett neuen Markenwelt. Noch dazu für ein Produkt, dessen Eigenschaften sich nur schwer visuell zeigen lassen. Worauf hast du dabei den Fokus gelegt?
MM: Das lässt sich bei mir kaum mit einer klassischen Marketing-Antwort erklären, weil mein Start anders war als geplant. „escape the ordinary“ wurde nicht durch einen großen Launch zum Produkt, sondern durch Neugier und Mundpropaganda. Ich habe damals um die 30 Duft-Samples in Goodie Bags verschenkt. Kleine Fläschchen in Umschlägen, mit meinem Logo bestempelt. Danach kamen Rückfragen und irgendwann die Frage, ob man den Duft kaufen könne. So fing alles an. Am Anfang gab es 50 Flaschen, dann noch einmal 50, die ich von Hand durchnummeriert habe. Als 2023 andere Projekte schlagartig scheiterten, musste ich innerhalb von zwei Wochen neu starten – ohne finanzielle Mittel und ohne Branchenkontakte. Daraus entstand auch die Entscheidung für weitere Größen wie Travelsize und Samplesize, um die Hürde zum Testen so niedrig wie möglich zu halten. Mit begrenzten Mitteln habe ich alles maximal flexibel aufgebaut: Rohlinge als Verpackung, angepasste Sticker, viel Handarbeit, Fotos, die ich selbst gemacht habe, und eine ehrliche Geschichte, die sich nicht wie Marketing anfühlt, sondern wie Realität. by MaryMary ist in den letzten zweieinhalb Jahren rein organisch gewachsen – ohne Ads oder große Kampagnen. Investiert habe ich vor allem dort, wo es wirklich zählt: in Qualität und in die konsequente Weiterentwicklung des Produkts und seiner Verpackung. Heute gestalten wir die Customer Journey bewusst inspirierend, transparent und die Qualität unserer Produkte steht immer an erster Stelle.
F: Was spielt heute beim Vertrieb von Parfums die wichtigste Rolle – Social Media, Retail oder Events?
MM: Man kann Duft laut und plakativ verkaufen und damit vermutlich schnell Sichtbarkeit erzeugen. Mein Ansatz ist bewusst zeitloser. Unsere Retail-Positionierung ist deshalb strategisch so gewählt, dass man uns dort findet, wo KundInnen ähnlich denken: Sie suchen Beratung, Vertrauen und eine kuratierte Auswahl und wissen, dass ihnen nicht einfach irgendetwas verkauft wird. Unsere KundInnen haben hohe Ansprüche an Sortiment und Qualität. Sie sind informiert, reisen viel und suchen nach dem Besonderen. Deshalb arbeiten wir mit Handelspartnern, die in Deutschland und Österreich zu den führenden kuratierten Fashion- und Concept Stores gehören – Trendsetter mit klarer Handschrift. Zusätzlich planen wir zunehmend Pop-up-Events mit unseren Retailern, um präsent zu sein und EndkundInnen persönlich zu begegnen. Duft muss am Ende erlebt werden, ein reiner Onlinevertrieb kann das nur begrenzt leisten.
„Social Media hat Beratung ins Wohnzimmer gebracht: Inspiration ist überall, aber genau dadurch werden Trends auch schneller vereinheitlicht.“
F: Wie haben sich die Erwartungen von KundInnen an Parfums in den letzten Jahren verändert?
MM: Ich finde es spannend zu beobachten, wie viele Menschen Trends übernehmen, statt ihren eigenen Stil wirklich zu schärfen, in Mode genauso wie in Duft. Social Media hat Beratung ins Wohnzimmer gebracht: Inspiration ist überall, aber genau dadurch werden Trends auch schneller vereinheitlicht. Die eigentliche Kunst liegt darin, den eigenen Stil zu finden und ihn mit dem passenden Parfum zu unterstreichen. Denn Parfum ist hochsubjektiv: Man spürt sehr schnell, ob ein Duft wirklich zu einem passt. Es wird auch weiterhin laute, plakative Düfte geben und ebenso jene, die über Eleganz und Zurückhaltung wirken. Genau diese Richtung entspricht dem, wofür wir als Marke stehen: nicht mehr, sondern präziser. Ein Duft als Ausdruck von Identität, nicht nur als Kompliment-Magnet.
F: Was birgt die Zukunft für dich und deine Brand? Hast du einen zweiten Duft oder andere Kreationen geplant?
MM: Seit ich by MaryMary im August 2023 neu denken musste, entwickelt sich die Marke zunehmend in eine Richtung mit noch mehr Tiefe und Substanz. Vieles, was lange Idee war, wird gerade konkret: Ich baue den Vertrieb in weiteren Ländern aus, möchte erste Schritte in Richtung Nischenparfumerie gehen und entdecke auch in der beratenden Duftentwicklung für andere Brands eine große Freude. Meine by MaryMary-Schatzkiste ist prall gefüllt, aber ich habe gelernt, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, in einem Tempo, in dem ich weder mich selbst noch die Herkunft der Marke aus den Augen verliere. Ja, weitere Kreationen sind geplant. Meine Düfte werden weiterhin Lebensabschnitte widerspiegeln, mit denen sich viele Menschen identifizieren können. Genau dort setzt auch der zweite Duft an. Er ist bereits in Arbeit und eng mit dem Gefühl von Aufbruch und Abenteuer verbunden. Es geht um verblasste Wünsche und Sehnsüchte und darum, ihnen wieder Raum zu geben, statt sie unerfüllt mit sich herumzutragen. 2014 habe ich innerhalb kürzester Zeit entschieden, allein auf Weltreise zu gehen. Daraus wurde eine siebenmonatige Reise durch Südostasien und Australien, rückblickend einer der prägendsten Momente meines Lebens. Dieses Kribbeln, sich Wünsche zu erfüllen und endlich das zu tun, was man so lange auf irgendwann verschoben hat, ist immer den ersten Schritt wert. Die neue Kreation soll genau dieses Gefühl auslösen: Sehnsüchte wieder aufleben lassen und daran erinnern, dass Träume nicht dafür da sind, sie nur mit sich herumzutragen, sondern sie zu leben.
F: Zum Schluss ein paar Assoziationen: Welchen Duft verbindest du mit Familie?
MM: Den Duft frisch gewaschener Wäsche, gemischt mit der Wärme von Haut und einem Hauch Kaschmir. Etwas Weiches, Vertrautes, Unaufgeregtes. Ein Duft, der nicht beeindrucken will, sondern da ist.
F: Welchen Duft verbindest du mit Aufbruch und Abenteuer?
MM: Unseren neuen Duft, den wir, wenn alles nach Plan läuft, dieses Jahr noch launchen. Er ist eine Hommage an meine Weltreise und vereint Erinnerungen an Südostasien. Vor allem soll er dazu anregen, sich seine Träume zu erfüllen, statt sie nur mit sich zu tragen, bis sie irgendwann vergehen.
F: Welchen mit Ekstase?
MM: Etwas Unerwartetes: warm, pulsierend, fast elektrisierend. Für mich hat Ekstase nichts Lautes oder Überladenes, sondern diesen einen Moment, in dem dich etwas vollkommen erfasst: Ein Duft, der Spannung, Sinnlichkeit und Kontrollverlust zugleich in sich trägt.
F: Welchen mit Stille und Selbstreflexion?
MM: Etwas Klares, Trockenes, Helles. Feine Hölzer, kühle Luft, fast wie Sonnenlicht auf einer ruhigen Wand. Ein Duft, der Raum lässt statt ihn zu füllen, und der einen nicht ablenkt, sondern näher zu sich selbst bringt.
F: Und welchen mit Heimkehr?
MM: Mit „beyond the ordinary“. Für mich riecht Heimkehr nicht nur nach einem Ort, sondern nach einem Gefühl: Wärme, Ruhe, Vertrautheit. Die Kerze hat genau diese still umhüllende Qualität. Sie ist wie ein Ankommen bei sich selbst.

By MaryMary
Einfach mal verduften aus dem Alltäglichen? Lässt sich einrichten. Das Parfum „escape the ordinary“ von byMaryMary basiert auf Molekularstrukturen. Diese entwickeln erst beim Hautkontakt ihre Wirkung, wobei das Aroma leicht variiert – je nach Wärme, pH-Wert und Hautlipide der TrägerIn. Marie Moehle hat by MaryMary 2021 in Köln gegründet und „escape the ordinary“ gemeinsam mit Parfumeur Uwe Manasse entwickelt. Ein zweiter Duft ist in Arbeit. Wir wissen schon jetzt: Er wird alles, außer gewöhnlich. bymarymary.com
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Alles andere als ordinär: Hier holst du dir deinen neuen Lieblingsduft.
Fotos: © by MaryMary






