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Floral Artist Valentina Teinitzer im Interview

by Josefine Zürcher
12.10.2026
in CULTURE
Floral Artist Valentina Teinitzer im Interview

Ein Raum ohne Pflanzen ist irgendwie leblos. Schließlich tun Blätter und Blumen nichts weniger, als uns mit Sauerstoff zu versorgen – und unsere Stimmung anzuheben. Und wenn Blumen, Blüten und Äste in atemberaubende, übergro.e Skulpturen verwandelt werden, kommen erst recht Emotionen dazu. Solche Skulpturen und Gefühle erschafft Valentina Teinitzer mit Studio de Pasquale, ihrem Floral Design Studio. Was sich Valentina in ihrem Kopf erträumt, setzt sie auch in der Realität um – ob für den Salone del Mobile in Mailand, Events, Modestrecken oder eigene Ausstellungen. Im Mittelpunkt jedes Projektes steht Valentinas tiefe Faszination für Blumen. Dass diese unberechenbar sind und welken, sieht sie als Stärke. Mit und für wen sie am allerliebsten botanische Welten kreieren möchte, wo man tonnenweise Blumen herkriegt und woher ihr florales Wissen stammt, verrät uns die Deutsch-Italienerin im Interview.

Wenn Valentina Teinitzer mit massenhaft Grünzeug hantiert, entsteht skulpturale Kunst, die jedem Raum Leben einhaucht.

FACES: Über Blumen weißt du mehr als der Durchschnittsmensch. Wenn du selbst eine Blume wärst – welche wärst du und warum?
Valentina Teinitzer: Vermutlich eine wilde Gartenrose in sanftem Apricot. Sie findet fast überall ihren Weg, wächst manchmal dort, wo man sie nicht erwartet, und ist gleichzeitig stark und verträumt, wild und sanft. Ich mag ihre Leichtigkeit und ihre imposante Erscheinungsweise – und dass sie sich nicht darum bemüht, schön zu sein, sondern einfach ist, wie sie ist.

F: Welche Vision hattest du bei der Gründung von Studio de Pasquale und wie sehr deckt sie sich mit der jetzigen Realität?
VT: Meine Vision war, mit Blumen Realitäten außerhalb unserer eigenen zu erschaffen. Welten, in die man eintauchen und die man nicht nur sehen, sondern fühlen kann. Genau das tue ich heute – vielleicht sogar konsequenter, als ich es mir damals vorgestellt habe.

F: Wo und wie hast du dir dein botanisches Wissen angeeignet?
VT: Seit Kindheitstagen streune ich über Wiesen und habe alles gepflückt, was mir in die Hände kam. Meine Oma hat mir viel über Gräser, Wälder und Orchideen beigebracht, mein Papa über Bonsai. Die Faszination war also immer da – und sie hat mich neugierig und wissbegierig gemacht. Ich bin Autodidaktin und lerne bis heute ständig dazu: durch Trial and Error, Beobachtung und viele Jahreszyklen der Floristik auf den großen Blumenmärkten dieser Welt.

F: Mit welchem Fun Fact über Blumen und Pflanzen beeindruckst du gerne andere Leute?
VT: Dass manche Pflanzen unglaublich lange ohne Wasser auskommen können, während andere innerhalb weniger Stunden auf Veränderungen von Temperatur, Licht oder Feuchtigkeit reagieren. Ich finde es faszinierend, wie intelligent Pflanzen eigentlich sind. Sie kommunizieren, passen sich an, kämpfen ums Überleben und haben dabei eine Ästhetik, die wir niemals komplett kontrollieren können.

F: Du arbeitest unter anderem für und mit Mode, Autos, Beauty oder Werbung. Gibt es eine Branche, in der du dich am meisten zuhause fühlst?
VT: Gerade die Kombination aus den unterschiedlichsten Branchen macht meine Arbeit so spannend – und herausfordernd. Am wohlsten fühle ich mich bei DesignerInnen anderer Sparten, Interior Brands, Fashion, Kunstschaffenden und Lifestyle-KundInnen, die in diese Felder eintauchen. Mich interessiert vor allem die Haltung und das Miteinander mit meinen KundInnen. Am liebsten arbeite ich mit Menschen und Marken, die sich trauen, Blumen nicht nur als Dekoration zu verstehen, sondern als eigenständige Kunstform und als Teil einer visuellen Welt.

„Idealerweise löst meine Arbeit etwas aus, das man nicht sofort in Worte fassen kann.“

Eine Blumenpracht, von Studio de Pasquale perfekt in Form gebracht.
Es müssen nicht immer Blumen sein – jede Art von Pflanze lässt sich zu Kunst formen.

F: Welcher Auftrag war bisher dein schwierigster oder anstrengendster?
VT: Der wahrscheinlich intensivste war eine zehn mal zehn Meter große und sieben Meter hohe florale Installation für Audi im Hotel du Cap-Eden-Roc – mit tausenden Orchideen, hunderten Kilo Rosmarin und einem Team von rund 20 Floral Artists. Solche Projekte sind auf kreativer Ebene, körperlich, organisatorisch und logistisch extrem fordernd. Aber genau diese Mischung aus Kunst, Natur und scheinbarer Unmöglichkeit liebe ich.

F: Wo kriegt man eigentlich solche großen Massen an Blumen und Pflanzen her?
VT: Auf Blumen- und Großmärkten auf der ganzen Welt ,bei spezialisierten ZüchterInnen und lokalen GärtnerInnen – aber vor allem durch ein über Jahre gewachsenes Netzwerk aus HändlerInnen, ZüchterInnen und Farmen. Für große Projekte braucht es außerdem etwas Vorlauf, damit Ernte, Mengen, Qualität und Logistik perfekt zusammenspielen.

F: Für wen willst du unbedingt etwas kreieren?
VT: Für eine Runway-Show von Dior unter Jonathan Anderson. Mit jemandem zu arbeiten, der selbst ein Visionär ist, würde mich unglaublich reizen. Und ein Stagedesign oder Set-Design für ein Editorial mit Bad Bunny wäre definitiv auch auf meiner Liste.

F: Und wer ist dein Traum-Kollaborationspartner?
VT: Jemand aus einer anderen Disziplin, die aber perfekt zu mir und meiner Arbeit passt – Architektur, Film, Interior, Musik oder Reisen. Mich reizt die Schnittstelle zwischen verschiedenen Welten. Ich begegne neuen Ideen am liebsten mit Offenheit und schaue, was entsteht, wenn zwei völlig unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen.

F: „Creating emotions with flowers“ – so beschreibst du deine Arbeit. Welche Emotionen erhoffst du dir, werden besonders oft gefühlt, wenn man deine Werke anschaut?Oder ändert es sich je nach Projekt?
VT: Idealerweise löst meine Arbeit etwas aus, das man nicht sofort in Worte fassen kann – Staunen, Sehnsucht, Ruhe, vielleicht auch ein kleines bisschen Überforderung. Blumen sind mehr als nur schön. Sie kommunizieren, verbinden und sprechen unsere Sinne an. Welche Emotion dabei entsteht, darf sich je nach Projekt und Mensch verändern.

F: Wie schmerzhaft – oder schön – ist es, mit einem Material zu arbeiten, das früher oder später welkt und somit nicht für die Ewigkeit ist?
VT: Vergänglichkeit ist der Sinn der Blumen – und genau darin liegt ihre Schönheit. Sie erinnern uns daran, einen Moment für seine Besonderheit wahrzunehmen und zu bewahren. Ich arbeite mit einem Material, das einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende hat. Vielleicht macht es die Arbeit gerade deshalb so intensiv.

„Die Natur hat immer das letzte Wort.“

F: Blumen mag doch eigentlich jeder. Warum genau liebst du Blumen so sehr?
VT: Weil sie gleichzeitig unglaublich fragil und kraftvoll sind. Sie können einen Raum, eine Stimmung, ein Gefühl komplett verändern, ohne laut zu sein. Ihre Existenz verschönert meine Tage, gibt mir Halt und ist für mich irgendwie wegweisend. Ich glaube, irgendwann habe ich verstanden, dass das nicht nur eine Faszination ist, sondern meine Berufung.

F: An welche kreativen oder technischen Grenzen stößt man, wenn man mit Blumen arbeitet? Und kann man sie überwinden?
VT:  An sehr viele. Blumen sind kein industrielles Material, sondern entspringen der Natur – auch wenn wir sie züchten. Sie wachsen nicht ganzjährig, sind nicht schnell reproduzierbar, brechen, welken, reagieren auf Temperatur und machen meistens einfach, was sie wollen. Ich versuche deshalb nicht, die Natur zu überlisten, sondern ihre Eigenheiten in den Entwurf einzubauen. Die Grenze wird dann oft selbst zum Gestaltungsmittel und zur Basis meiner Blumenauswahl für jedes Projekt.

F: Mit welchen Pflanzen lässt sich besonders gut arbeiten und welche sind schwierig?
VT: Am liebsten arbeite ich mit Blumen und Pflanzen, die einen eigenen Charakter haben – Zweige, Gräser, Amaranth, Orchideen, ungewöhnliche, wilde saisonale Blüten. Schwierig sind oft die perfekten, fragilen und sehr empfindlichen Blüten. Aber gerade das macht sie interessant. Je widerspenstiger ein Material ist, desto mehr muss man es analysieren und mit seinem Rhythmus gehen.

F: Du arbeitest mit der Natur und den Händen. Hast du dir somit eine Nische herausgesucht, in der KI noch nicht alles zerstört? Oder spürst du doch auch, wie KI die Kreativbranche verändert?
VT: KI kann Bilder erzeugen, die ich anschließend nachstellen soll. Das bedeutet für mich aber auch, dass die Natur weiterhin im Fokus steht – weil sie uns etwas fühlen lässt und unsere Sinne unmittelbar anspricht. Natürlich verändert KI die Kreativbranche massiv. Für mich macht das physische Erleben von floraler Kunst und Design dadurch sogar noch wertvoller. Wir werden uns wieder stärker nach Dingen mit einer Seele sehnen, die nicht durch ein paar Klicks reproduzierbar sind.

F: Wie grün und blumig ist es eigentlich in deinem Zuhause?
VT: Tatsächlich gar nicht so sehr. Maximal steht bei mir ein monochromer Strauß oder ein einzelner Stiel einer Blume. Ich mag es zuhause clean und ästhetisch. Vielleicht brauche ich nach der Arbeit auch einfach ein bisschen visuelle Ruhe.

F: Welche Blumen müssten häufiger in Sträußen landen?
VT: Besondere Orchideensorten wie die Cambria. Und wilde, saisonale Blüten von lokalen ZüchterInnen – vor allem wilde Gartenrosen. Ich finde, gerade diese weniger perfekten, charaktervollen Blumen verdienen viel mehr Aufmerksamkeit.

F: Wer sollte wem öfter Blumen schenken?
VT: Man selbst seinen Freundinnen. They deserve it. Und sich selbst natürlich auch.

F: Wie lange dauert es, bis eine Installation fertig ist? Und wie lange, bis sie welkt?
VT: Das hängt komplett von der Größe, den Rahmenbedingungen des Projekts und dem Material ab. Eine Installation kann in wenigen Stunden entstehen oder über mehrere Tage mit vielen Händen aufgebaut werden. Und manchmal beginnt sie bereits zu welken, während wir noch daran arbeiten. Das gehört dann zur Ästhetik und zum Gestaltungsprozess dazu.

„Ich möchte immer mit Pflanzen arbeiten, die ich noch nicht kenne.“

Ein florales Konstrukt für eine Audi-Kampagne, die jedem Auto die Show stiehlt.

F: Was machst du, wenn eine Installation in deinem Kopf fixfertig ist, sich in echt aber nicht so umsetzen lässt?
VT: Meistens suche ich einen Weg, jede meiner Ideen auch wirklich Realität werden zu lassen. Aber manchmal muss der Kopf auch loslassen. Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Lektionen in meiner Arbeit: Die Natur hat immer das letzte Wort. Und oft entsteht aus einem Problem etwas, das besser ist als die ursprüngliche Idee.

F: Gibt es Pflanzen, mit denen du noch nie gearbeitet hast, die du unbedingt einmal in ein Projekt integrieren willst?
VT: Ja, ständig. Ich möchte immer mit Pflanzen arbeiten, die ich noch nicht kenne. Mich interessieren besonders ungewöhnliche Formen und Bewegungen, aber auch tropische Arten, die wir in Europa nicht bekommen. Deshalb liebe ich es so sehr, die Welt mit einer floristischen Brille zu bereisen und dabei immer wieder Neues zu lernen.

F: Kannst du Blumen noch anschauen und genießen, ohne sie gleich gedanklich in eine Installation zu verwandeln?
VT: Ich liebe Blumen einfach und erfreue mich an jeder einzelnen. Ich zeige auch immer noch voller Euphorie auf einzelne Stiele, wenn ich etwas entdecke. Aber meistens sehe ich etwas und überlege innerhalb von Sekunden, wie ich das Material einsetzen würde. Ich glaube, das ist einfach meine Art, Blumen anzuschauen – sie gleichzeitig zu genießen und in eine Kunstform zu übersetzen.

F: Welche ist deine unerwartetste Inspirationsquelle?
VT: Das Meer. Der einzige Ort, an dem ich wirklich Freiheit spüre. Und der Ort, an dem meine Kreativität sprudelt und mein Inneres gleichzeitig ruhig wird.

F: Was hast du seit der Gründung von Studio de Pasquale gelernt, das du auf allgemeine Lebenssituationen anwenden kannst?
VT: Dass man nicht alles kontrollieren kann – und dass es für fast alles eine Lösung gibt. Man muss nur kreativ und mutig genug sein, immer wieder resilient zu werden.

F: Was steht auf deiner Bucket List?
VT: Noch sehr viel. Ich möchte an Orten arbeiten, an denen Blumen bisher vielleicht niemand als Kunst betrachtet hat. Ich möchte noch mehr reisen, lernen und ungewöhnliche Materialien entdecken, mich mit anderen Floral Artists austauschen und gemeinsame Projekte realisieren. Eventuell beginnen, mein Wissen in Flower Schools zu teilen. Und ich möchte eine internationale Roadshow mit meinen floralen Werken auf die Beine stellen – mit einem starken Partner an meiner Seite.

Wo es Valentina überall blühen lässt, siehst du hier.

Fotos: © Leon Greiner, Theresa Kaindl, Saeed Kakavand, Philipp Kottlorz, Inge Prins

Wir lieben Blumenkunst. Auch mit Lilo Klinkenberg haben wir uns über blühende Skulpturen unterhalten.

Tags: Studio de PasqualeValentina Teinitzer
Josefine Zürcher

Josefine Zürcher

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