Sie spielt Zukunftsmusik: Seba Kayan verbindet Techno-Beats mit orientalischen Elementen und kreiert so wunderbar tanzbare Sounds, die sich jeglicher strikter Genre-Klassifizierung entziehen. Die Wienerin mit kurdischen Wurzeln macht damit nicht nur Lust auf endlose Club-Nächte, sondern stellt unsere Wahrnehmung von Musik in Frage. Warum gilt westliche Musik als neutral und weshalb nennen wir alles andere World Music? Die Musikproduzentin und DJ erklärt es uns im Interview. Und verrät außerdem, was auf ihre eigene Party-Playlist kommt, wann sie ihre Liebe zur Musik entdeckte und wie sie die Musikindustrie als Frau wahrnimmt.


FACES: Welchen Song – einen eigenen oder einen von einer anderen KünstlerIn – würdest du abspielen, um dich jemandem vorzustellen, der noch gar nichts über dich weiß?
Seba Kayan: Ich würde tatsächlich meinen eigenen Song „Tencere“ spielen, weil er sehr viele Elemente vereint, die mich ausmachen. Auf der einen Seite steht ein Middle Eastern-Sample, das stark durch einige diverse Filter bearbeitet wurde, auf der anderen Seite Techno- und Acid-Sounds. Die Samples sind genau das, was sie sind: Ausschnitte, Exzerpte, die nie das vollständige Bild zeigen. Der Techno-Sound gilt als fluide Brücke zur Clubkultur, die mich stark geprägt hat.
F: Musik verrät zwar vieles über eine Person, aber eben nicht alles. Wenn nach diesem Song noch Fragen bleiben: Was sollten Menschen unbedingt über dich wissen?
SK: Mein Song „Tencere“ heißt übersetzt „Topf“. Was man über mich wissen sollte, ist, dass ich selbst auch ein Melting Pot aus verschiedenen Kulturen und Musikstilen bin, die ständig in mir brodeln und sich gegenseitig beeinflussen.
F: Was waren deine ersten Berührungspunkte mit Musik?
SK: Meine ersten Berührungspunkte mit Musik hatte ich früh durch meinen Vater. Er hat uns Kinder oft regelrecht „gezwungen“, Konzerte und Kassetten anzuhören. Auch wenn wir in dem Moment keine Lust darauf hatten, saßen wir trotzdem im Wohnzimmer und hörten Aufnahmen von kurdischen, türkischen und armenischen KünstlerInnen. Außerhalb von zuhause hatte ich klassischen Musikunterricht, der klanglich wenig mit den Sounds von daheim zu tun hatte. Diese Diskrepanz – aber auch die gleichzeitige Fülle an musikalischen Welten – hat mich stark geprägt und früh Fragen aufgeworfen, etwa nach der Einteilung in sogenannte „Hoch-“ und „Tiefkultur“ und was den kulturellen Kanon ausmacht.
F: Und war Techno schon von Beginn an das Genre, das dich angezogen hat?
SK: Techno war nicht von Anfang an das Genre, das mich angezogen hat – aber die Idee dahinter schon, denn es ist viel mehr als nur 4/ 4 on the floor. Es ist eine Kultur, die aus der Black Culture Community und der Notwendigkeit von Widerstand, und aus einem Bedürfnis nach Safe Spaces entstanden ist. Der Club war ein Ort, an dem man in eine andere Welt eintauchen konnte, anonym war und sich frei bewegen konnte – musikalisch wie körperlich. Jetzt hat sich die DJ- und Clubkultur massiv verändert: DJs werden immer mehr zum Produkt und der Dancefloor zum performativen Raum, in dem das Set in Echtzeit dokumentiert wird. Früher waren die DJs gar nicht sichtbar, es ging primär um die Community, jetzt steht der DJ im Mittelpunkt und performt.
F: Im Musikvideo zu deiner ersten Single „Tencere“ tanzt eine Frauengruppe in einem Hammam. Techno-Sounds mit einem Spa zu verbinden, scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, funktioniert aber perfekt. Wie bist du auf die Idee gekommen?
SK: Für Frauen aus dem Nahen Osten sind Orte wie der Hammam Sacred Spaces. Das waren sie immer schon. Noch immer sind sie Orte der Begegnung, des Zusammentreffens und der Self-Care. Sich dort zu treffen bedeutet, sich nicht nur zu waschen, sondern auch, sich als Frau in einer sicheren Umgebung auszutauschen. Meine Mutter hat uns oft ins Hammam mitgenommen. Dort konnten sich die Töchter und Mütter frei bewegen, abseits der Zuschreibungen und Projektionen von außen. In meinem Musikvideo habe ich den Club in einen für mich Safe Space – den Hammam – geholt, umgeben von den coolsten Frauen aus Wien.
F: Das Musikvideo zeigt außerdem Frauen, die unter sich sind, aber Raum einnehmen und sich anders präsentieren, als man es vielleicht im Kontext von ihnen erwarten würde. Siehst du darin auch Parallelen dazu, wie deine Musik und du als Künstlerin wahrgenommen werden? Hast du oft mit Vorurteilen zu kämpfen?
SK: Mein Musikvideo verfolgt unter anderem das Ziel, ein sogenanntes „orientalistisches“ und exotisierendes Bild von Frauen neu zu framen und dabei auch unsere eigenen Vorurteile, Bilder von Weiblichkeit und Zuschreibungen von Geschlechterrollen zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Da gibt es natürlich Parallelen zu meinem Leben. Die Selbstwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung von mir als Frau, als Künstlerin, als Wienerin der zweiten Generation mit kurdischen Wurzeln ist diametral von dem, wie ich mich sehe. Es werden „orientalische“ Ideen und Konzepte auf mich projiziert, die mit mir teilweise nichts zu tun haben. Ich habe und hatte schon immer Schwierigkeiten mit Konzepten wie „kurdisch“ sein oder „wienerisch“ sein. Für mich sind Identitäten fluid und manifestieren sich auf viele verschiedene Weisen.
„Westliche Musiktheorie ist nicht objektiv überlegen, sondern das Ergebnis von Macht, Kolonialgeschichte und kultureller Durchsetzung.“
F: Wie empfindest du die Musikindustrie als Frau?
SK: Laut Forbes liegt der Anteil der weiblichen Produzent-Innen bei ca. 2,8 Prozent, ein noch kleinerer Anteil davon sind Women of Colour. Dieses Ungleichgewicht ist auf jeden Fall spürbar und sichtbar. Diese deutliche Schieflage finde ich als Frau auf jeden Fall bedenklich. Für mich persönlich ist die Musikszene in Wien und international immer sehr unterstützend gewesen, wie zum Beispiel Radio FM4, die meine Musik und meine Sets als erste gespielt und meine Message dahinter auch gleich verstanden haben. Darum Big Shout Out an Functionist und FM4 Unlimited.
F: Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Meine Musik ist nicht nur tanzbar, sondern auch politisch?
SK: Bevor ich Musik gemacht habe, habe ich mich gefragt, was ich mit meiner Musik erreichen möchte und was die Message sein soll. Das Ziel von meinem Sound war es von Anfang an, tanzbar zu sein und gleichzeitig unsere Hörweisen zu hinterfragen. Denn Disruption beginnt auf dem Dancefloor, im Körper und in der Art, wie wir hören.
F: Inwiefern wird eine kurdische Frau in der Technoszene anders gelesen als ein weißer männlicher DJ?
SK: Die elektronische Musikszene ist weltweit nach wie vor stark von weißen Männern dominiert, ganz klar. Das ist auch auf den Line-ups von den großen Festivals sichtbar. Ich denke nicht, dass ich per se als „kurdische“ Frau in der Technoszene gelesen werde, sondern dass Frauen generell anders gelesen werden als männliche DJs. Frauen werden mit anderen Projektionen und Vorurteilen in der Szene konfrontiert als Männer.
F: Musst du dich deswegen in der Industrie eher beweisen als andere – oder eher erklären?
SK: Die Musikindustrie ist ein Rollercoaster an Menschen, denen du begegnest: BookerInnen, Festival-OrganisatorInnen, die verschiedene Erwartungen und Projektionen an und in dich haben. Ich musste mich am Anfang bestimmt mehr beweisen und meinen Sound erklären als andere. Männliche DJ Freunde meinten sogar am Anfang: Spiel was anderes, dein Sound ist zu „folkloristisch“. Viele haben diese Kombination von Middle-Eastern-Samples in Kombination mit Techno und Acid so auf der Tanzfläche noch nie gehört, da der Mainstream einen anderen Sound spielt. Ich bin Nische, und das ist meine Superpower.
F: Welche Narrative über kurdische Frauen würdest du gern zerstören?
SK: Grundsätzlich möchte ich nichts zerstören, sondern eindimensionale Narrative ins richtige Licht rücken, wie zum Beispiel das Bild, das kurdische Frauen überwiegend als Kämpferinnen zeigt. Dieses Bild ist stark von den kurdischen Women Fighters in Rojava, die unter anderem gegen DAESH (IS – Islamischer Staat, Anm. d. Red.) gekämpft haben, geprägt. Kurdische Frauen werden dadurch oft entweder heroisiert oder exotisiert – als starke, bewaffnete Symbole des Widerstands – während ihre Vielschichtigkeit unsichtbar bleibt. Was dabei verloren geht, sind ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten, ihre Intellektualität, ihre Fürsorge, ihre Widersprüche, ihre Kreativität und ihre alltäglichen Kämpfe.
F: Auf deiner Webseite schreibst du, dass Musik zwar oft als „universal language“ beschrieben wird, das aber eigentlich gar nicht stimmt, denn Kultur und Tradition formen sie. Und die Musiktheorie, die wir lernen, ist von der westlichen Weltsicht und Musik geprägt. Magst du diese Gedanken etwas ausführen? Wie würdest du das jemandem erklären, der sich darüber noch keinerlei Gedanken gemacht hat?
SK: Musik ist keine „universal language“, denn Musik entsteht immer aus Kultur, aus Geschichte, aus Tradition und aus sozialen Räumen. Wenn wir in Europa über Musiktheorie sprechen, lernen wir als Grundlagen die eurozentristischen Scales und Notation. Dieses System wird oft als neutral oder universell vermittelt, obwohl es nur eines von vielen ist. Andere Musikkulturen arbeiten mit ganz anderen Scales, Rhythmen, Zeitverständnissen oder Formen des Musikmachens. So gibt es in der türkischen, kurdischen oder arabischen Musik mikrotonale Tonleitern, sogenannte Maqams, die sich natürlich anders anhören, und die von europäischen MusikerInnen als „World Music“ oder „Global Sounds“ eingeordnet werden. Was aber heißt „World“ Music? Nach dieser Einteilung müssten alle Tonleitern der ganzen Welt in diese Kategorie fallen. Für jemanden, der sich darüber noch nie Gedanken gemacht hat, würde ich es so erklären: Musik ist wie Sprache. Nur weil Englisch weltweit verbreitet ist, heißt das nicht, dass es die „natürlichste“ oder „richtige“ Sprache ist. Sie ist einfach historisch dominant geworden. Genauso verhält es sich mit westlicher Musiktheorie. Sie ist nicht objektiv überlegen, sondern das Ergebnis von Macht, Kolonialgeschichte und kultureller Durchsetzung.
„Das Ziel von meinem Sound war es von Anfang an, tanzbar zu sein und gleichzeitig unsere Hörweisen zu hinterfragen.“
F: Deinen Sound kann man als „Oriental Techno“ bezeichnen. Magst du diesen Begriff oder findest du, dass der eben zu sehr eine Abgrenzung schafft oder Klischees aufgreift?
SK: Wenn ich von „oriental“ spreche, beziehe ich mich bewusst auf den palästinensischen Kulturtheoretiker Edward Said, der den „Orient“ als ein eurozentristisches Konstrukt beschrieben hat – als eine westliche Sichtweise auf eine geografische Region, nicht als eine Selbstbezeichnung. Im sogenannten Orient bezeichnet sich niemand selbst als „Orientale“ oder „Orientalin“. Genau darin zeigt sich, dass der Begriff weniger über die Musik oder die Menschen aussagt, sondern mehr über die Perspektive, aus der sie betrachtet wird. Der Begriff „Oriental Techno“ ist in diesem Kontext nicht deskriptiv, sondern diskursiv, um Diskussionen und Reflexionen zu schaffen. Aber man muss nicht Edward Said inhaliert haben, um zu wissen, dass der Begriff „oriental“ problematisch ist. In meiner Musik eigne ich mir die Zuschreibung, die von außen auf mich projiziert werden, selber an und dekonstruiere sie in meinem musikalischen Prozess.
F: Warum gelten westliche Sounds als neutral, andere als „ethnisch“?
SK: Der französische Philosoph Jacques Attali hat in seinem Buch „Noise: The Political Economy of Music“ geschrieben: „Was heute Musik genannt wird, ist allzu oft nur eine Maske für den Monolog der Macht.“ Westliche Sounds gelten oft als „neutral“, weil sie über Jahrhunderte hinweg zur Norm erklärt wurden. Durch Kolonialismus, kulturelle Hegemonie und globale Machtverhältnisse wurde westliche Musiktheorie als der Standard etabliert. Alles, was davon abweicht, wird automatisch als „anders“ markiert – und damit als „ethnisch“. Ganz nach dem Motto: „The West – and the Rest“. Der Begriff „ethnisch“ sagt dabei weniger über die Musik selbst aus als über die Perspektive, aus der sie betrachtet wird. Aber aus welcher Perspektive schauen wir auf diese Terminologie? Während ein Streicherarrangement oder ein 4/4-Beat selten kulturell verortet wird, müssen nicht-westliche Klänge ihre Herkunft ständig „erklären“ und werden in Kategorien geschoben.
F: Ist es überhaupt noch zeitgemäß, Musik in verschiedene Genres einzuordnen?
SK: Ich glaube, die Frage ist weniger, ob Genre-Kategorien noch zeitgemäß sind, sondern wofür wir sie benutzen. Genres schafften für HörerInnen einst eine Art Orientierung und sorgten für eine gemeinschaftliche Identität. Heute wirken sie jedoch oft wie starre Schubladen. Manchmal fragen mich Leute, ob ich Techno, House oder Tech House, Deep House oder doch Melodic House produziere. Mein Sound kann alle Elemente beinhalten, ohne mich einem Genre zuzuordnen. Musik entsteht längst nicht linear oder innerhalb von klar abgegrenzten Traditionen. Ich bewege mich zwischen Genres, ziehe Inspirationen aus unterschiedlichen Kontexten und Kulturen und vermische Einflüsse. Genau das, was mich im Prinzip ausmacht. Problematisch wird es dann, wenn Genre-Bezeichnungen nicht nur beschreiben, sondern eben bewerten oder eingrenzen – etwa wenn bestimmte Sounds als „ethnisch“ „world“ „global“ und andere als neutral oder universell gelesen werden.
F: Du hast europäische und kurdische Wurzeln. Inwiefern verändert diese doppelte Verortung deinen Blick auf Musik, Macht und Zugehörigkeit?
SK: Ich denke, was mich stark geprägt hat, ist die Tatsache, dass es auf der Landkarte und offiziell kein Land „Kurdistan“ gibt. Es ist mit 30 Millionen KurdInnen weltweit die größte Diaspora und somit das größte Volk ohne eigenen Staat. Mein Vater hat immer gesagt, dass wir das Land der Zukunft sind, weil wir nicht an Grenzen glauben. Ich habe immer gescherzt und geantwortet: „Das sagst du nur, weil wir kein eigenes Land haben“. Dieses Gefühl, keinem Land zu 100 Prozent zugehörig zu sein, aber sich trotzdem vielen Ländern verbunden zu fühlen, hat meinen Blick auf Musik, Macht und Zugehörigkeit sehr geprägt. Es gab mir die Freiheit, mich zwischen den Grenzen und Kulturen zu bewegen, ohne mich als etwas oder über eine Nationalität zu definieren.
F: Wann hast du erstmals realisiert, dass du mit zwei sehr verschiedenen Kulturen aufwächst? Wie vermischst du die beiden Kulturen miteinander – persönlich, aber auch in der Musik?
SK: Ich denke, in der Schule ist mir das erstmals bewusst geworden. Die Lebensrealitäten und Wochenenden von meinen FreundInnen waren anders als meine. Während sie am Wochenende in die Berge wandern gegangen sind, standen Familienbesuche und Community Events bei uns auf dem Programm. In meiner Musik vermische ich genau diese Elemente, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, wie Middle-Eastern-Samples mit Techno, die aber eigentlich wie Wandern und Familienbesuche herrlich harmonieren.
„Musik ist keine ‚universal language‘, denn Musik entsteht immer aus Kultur, aus Geschichte, aus Tradition und aus sozialen Räumen.“
F: Du hältst Workshops zum Thema „Decolonize Electronic Music“. Wo in der elektronischen Musik stecken die westlichen Normen und das Kolonialdenken? Und wie können wir unseren Blick öffnen?
SK: Den Blick zu öffnen bedeutet für mich primär, koloniale Strukturen in der Musiktheorie sichtbar zu machen. Zu verstehen, dass – elektronische – Musik keine neutrale Spielwiese ist, sondern in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet ist. In meinen Workshops geht es darum, Hörgewohnheiten zu hinterfragen: Warum empfinden wir bestimmte Skalen als „dissonant“ und andere als „harmonisch“? Man lernt in meinem Workshop eigene Tonleitern zu kreieren und mit denen auch ganz konkret Musik zu machen. Why? Because you can! Die Welt besteht aus mehr als zwölf Noten. Es geht hier nicht darum, alles „richtig“ zu machen, sondern darum, bewusster zu hören und natürlich auch sich über die Tatsache bewusst zu werden, dass die Musiktheorie selbst überwiegend durch eurozentrische, weiße Perspektiven strukturiert ist, was auch in den Musiktheorie-Lehrbüchern sichtbar ist, denn sie bestehen zu über 97 Prozent aus Beispielen weißer, männlicher Komponisten. Dieses Wissen wird als universell vermittelt, obwohl es nur einen sehr spezifischen kulturellen Ausschnitt abbildet.
F: Gibt es irgendwo eine Grenze zur Cultural Appropriation? Zum Beispiel, wenn jemand orientalische Sounds in seine Musik einbaut, ohne einen Bezug zu dieser Kultur zu haben. Oder siehst du darin auch eine Chance für eine diversere Musikindustrie?
SK: Ein deutliches Beispiel für Cultural Appropriation in der elektronischen Musik ist „Afro House“. Hier bedienen sich häufig weiße, männliche Produzenten mit großer Selbstverständlichkeit an einem kulturellen Erbe, zu dem sie keinen eigenen Bezug haben. Afro-diasporische Sounds werden dabei ästhetisiert und kommerzialisiert, während die KünstlerInnen und Szenen, aus denen diese Musik hervorgegangen ist, marginalisiert bleiben, oder gar nicht erst gewürdigt werden. Das Problem ist also nicht der kulturelle Austausch an sich. Musik war schon immer hybrid und im Dialog. Kritisch wird es dann, wenn Anerkennung, Geld und Sichtbarkeit bei denen landen, die ohnehin privilegiert sind, während andere auf „Inspiration“ reduziert werden.
F: Du baust die kurdische Tradition Dengbêj, eine musikalische Form des Geschichtenerzählens, in deinen Sound ein. Erzähl uns mehr darüber.
SK: Das Wort Dengbêj kommt aus dem Kurdischen: „deng“ bedeutet Stimme, „bêj“ heißt erzählen oder sprechen. Eine Dengbêj ist also wörtlich jemand, der oder die „mit der Stimme erzählt“ – ein Voice-Teller. Dengbêjs sind SängerInnen und GeschichtenerzählerInnen zugleich. Die kurdische Sprache war in der Türkei Jahrzehnte hinweg offiziell verboten, somit wurde die kurdische Geschichte, Sprache und Kultur über lange Zeit hinweg unterdrückt. In dieser Zeit waren Dengbêjis wortwörtlich die BewahrerInnen von Geschichten und Erinnerungen. Sie transportierten ein kollektives Wissen ausschließlich über die Stimme – meist ohne instrumentale Begleitung. Sie waren also lebendige Archive. Meine Oma war eine Dengbêji. Sie hat uns normale Geschichten aus dem Alltag immer gesungen, was ich schön fand. Als Kind war mir die Geschichte und Bedeutung dahinter noch nicht bewusst. Erst später habe ich verstanden, dass das Singen für sie – und für viele andere – ein Coping-Mechanismus war: Eine Möglichkeit, mit kollektivem Trauma umzugehen, Schmerz zu verarbeiten und Erfahrungen hörbar zu machen, für die es oft keinen Raum gab. Wenn ich diese Tradition in meine Musik einfließen lasse, verstehe ich sie nicht als folkloristisches Zitat, sondern als Konzept. Die Idee der Stimme als Archiv, als Widerstand, als Trägerin von Geschichte, vor allem die Geschichte meiner Oma Gare, die ich oft gesampelt habe.
F: Welche anderen KünstlerInnen inspirieren deinen Sound?
SK: Ich ziehe sehr viele Referenzen aus der Diaspora Kultur, also PionierInnen wie Selda Bağcan, Omar Suleyman, Sezen Aksu, Siwan Perwer aber auch aus der elektronischen Szene wie Juan Atkins, Theus Mago, Kerala Dust und vielen mehr.
F: Wenn du uns die perfekte Party-Playlist machen müsstest, was wäre da alles drauf?
SK: Auf meiner Party-Playlist wäre auf jeden Fall alles dabei – von Madonna bis Sezen Aksu, dazwischen Techno und natürlich auch meine eigenen Songs.
F: Die Weltlage schreit momentan nicht gerade nach Party. Und doch hilft uns Musik gerade in schwierigen Zeiten. Merkst du, dass sich Menschen vielleicht momentan mehr nach Loslassen und ausgelassenen Beats sehnen?
SK: Das Wort „Party“ ist in unserer Dopamin-getriebenen, eskapistischen und überinszenierten Gesellschaft fast zu einem Unwort geworden. Dabei waren Community Events, bei denen getanzt wurde, schon immer Teil unserer Lebensrealität. Der Unterschied ist heute oft die Motivation: Sich aus dem Körper „hinauszuschießen“, statt sich mit ihm zu verbinden. Es gibt unzählige Studien, die Tanzen und Singen als somatische Heilpraktiken beschreiben. Deshalb lade ich alle dazu ein, sich eine eigene „Party“-Playlist zu machen, weil es sofort die Laune hebt und der eigenen mentalen Gesundheit hilft. In Zeiten wie diesen ist das besonders wichtig.
F: Inwiefern hilft dir die Musik, mit herausfordernden Lebenslagen klarzukommen?
SK: Das klingt immer etwas abgedroschen, wenn ich das sage, aber wenn ich Musik höre, elektronische Musik produziere oder einfach in meiner Kundalini-Klasse zu Mantras chante, verbinde ich mich mit etwas Höherem als mir selbst. Ich kann mich dabei – auch wenn es nur kurz ist – von meinem präfrontalen Kortex befreien.
F: Welche Musikgenres abseits des Techno magst du?
SK: Ich höre viel klassische Musik, Pop und etwas Hip-Hop.
F: Mit wem möchtest du unbedingt einen Song aufnehmen?
SK: Wenn sie noch leben würde, mit Oum Kouthoum.
F: Du bist auch Dozentin an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Welche Themen möchtest du da am dringendsten weitervermitteln?
SK: Ich möchte vor allem das Bewusstsein dafür schärfen, dass Hören niemals im luftleeren Raum stattfindet. Wie wir Musik wahrnehmen, bewerten und einordnen, ist stets geprägt von sozialen, kulturellen und historischen Normen.
F: Wie siehst du die Zukunft der Musikindustrie?
SK: Ich glaube, es wird spannend. Auf der einen Seite wird der Einsatz von KI in der Musikproduktion weiter zunehmen. Produktionsprozesse werden beschleunigt, ästhetische Standards reproduzierbarer und der Zugang zu musikalischen Werkzeugen weiter demokratisiert. Gleichzeitig stellt die KI Fragen nach AutorInnenschaft, Originalität und Wertschöpfung in einen neuen Kontext. Ich denke, das Live-Erlebnis, das Unwiederholbare und Situative wird an Bedeutung gewinnen, Communities werden sich nicht durch reine Produktion definieren, sondern über Kontexte, Beziehungen und Inhalte, die Musik ermöglicht. Das hoffe ich zumindest.
F: Und wo siehst du deine eigene Zukunft? Was steht auf deiner Bucket List?
SK: Auf meiner Bucket List steht einiges. Aber wie wir alevitischen Kurden sagen: Don’t jinx it before manifested.
Seba Kayan
Musik ist mehr als nur eine Ansammlung Melodien, die die gesamte Bandbreite an Emotionen, von Euphorie bis Tränen, aus uns herauskitzelt – sie ist politisch. Das hat die österreichisch-kurdische DJ Seba Kayan schon in ihrer Kindheit gelernt. Ihre Musik mischt orientalische Elemente mit Techno und Acid Sounds und bringt HörerInnen damit einerseits auf den Dancefloor, andererseits zum Nachdenken: über westliche Normen, Kultur und Tradition. Auch ihre neueste Single „Zurna Rave“, die ein kurdisches Lied mit dem traditionellen Instrument Zurna mit Techno mischt, möchte Musikfans dazu anregen, ihre Hörmechanismen zu hinterfragen. sebakayan.com
Wenn wir schon bei Musik sind: Lady Gaga wurde kürzlich 40, darum haben wir der ultimativen Ikone ein Porträt gewidmet.
Hier bleibst du mit Seba Kayan und ihrem Sound up to date.
Fotos: © Omar Ch-Hibat, Emilia Milewska






