Kunst schließt Lücken. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Kulturen und zwischen dir und mir. Zu Zeiten, in denen Gesellschaften so rabiat auseinanderdriften, wie sie es aktuell tun, ist die verbindende Kraft der Kunst besonders wichtig. Anahita Sadighi weiß um diese Bedeutung und ist ihrer Berufung gefolgt. Die Galeristin, Kuratorin und Kunstschaffende aus Berlin spricht mit uns im Interview darüber, wie politische Ereignisse ihre Arbeit nachhaltig verändert haben und was sie – trotz globalem Krieg und Chaos – mit Optimismus in die Zukunft blicken lässt.

FACES: Was war der erste Kunstgegenstand, der etwas in deiner Seele ausgelöst hat?
Anahita Sadighi: Ich habe als Kind viel Zeit auf funkelnden Nomadenteppichen verbracht – besonders die Gabbehs hatten es mir angetan. Diese „Spielwiesen“ aus floralen Motiven, Bordüren und geheimnisvollen Zeichen nährten meine Fantasie. Mein Vater, der sich jahrzehntelang mit dieser Kunst beschäftigte, erzählte mir Geschichten von Stämmen, Landschaften und Reisen – die Objekte wurden zu Trägern dieser Erzählungen. Diese Textilien sind mehr als Kunstgegenstände: Sie sind sinnliche Erfahrung – man sieht, fühlt, riecht sie. Viele sehnen sich nach dieser Unmittelbarkeit; sie erinnert an unsere Körperlichkeit. Kelims und Gabbehs waren lebenspraktisch und symbolisch zugleich: Muster als Schutz- und Kraftzeichen, inspiriert von mythischen Tieren. Diese Verbindung von Mythos, Handwerk und Philosophie fasziniert mich. Künstlerinnen wie Anni Albers oder Sheila Hicks führten solche von Frauen getragenen Techniken in die Moderne und brachen die Hierarchie zwischen Kunst und Kunsthandwerk. In dieser Linie sehe ich auch die Teppiche meiner Kindheit: Als gewebte Manifestationen von Wissen und Freiheit – ein Beleg, dass Einfachheit, Handwerk und Sinnlichkeit der Ursprung geistiger Tiefe sind.
F: Wenn du auf Kunstgegenstände vergangener Jahrhunderte blickst: Entdeckst du in ihnen etwas, das die Menschheit inzwischen verloren hat? Oder findest du in ihnen auch universelle Themen, die sich bis heute nicht verändert haben?
AS: Sicherlich trifft beides zu. Viele Kunstwerke vergangener Jahrhunderte entstanden gemeinschaftlich: in Werkstätten, Gilden und Ateliers, in denen sich Wissen, Intuition und Handwerk über Generationen fortpflanzten. Oft kennen wir keine einzelnen Namen, und doch strahlen diese Werke eine Tiefe kollektiver AutorInnenschaft aus. Sie sind Ausdruck eines Bewusstseins, in dem Idee und Ausführung noch untrennbar miteinander verbunden waren. Mit der Industrialisierung und heute der Digitalisierung hat sich dieses Verhältnis verändert. Der Name dominiert stärker als die Geste, der Entwurf mehr als die Ausführung. Dadurch geht etwas verloren: jene Präsenz, die entsteht, wenn Denken, Körper und Material in einem lebendigen Austausch stehen. Gleichzeitig gibt es immer wieder Bewegungen, die dieses Sinnliche des Schaffens zurückerobern – KünstlerInnen, HandwerkerInnen und DesignerInnen, die sich dem Prozess widmen. Sie erinnern daran, dass Schönheit nicht im makellosen Endprodukt liegt, sondern in der Verbindung von Geist und Hand, im respektvollen Umgang mit dem Material. Was bleibt, sind die universellen Themen. Wenn wir auf die ältesten Bildzeugnisse der Menschheit blicken – auf die Höhlenmalereien von Lascaux oder die Felszeichnungen von Sulawesi –, erkennen wir uns selbst darin wieder. Tiere, Körper, Bewegung, Rituale: Sie erzählen von Geburt und Verlust, von Gemeinschaft, Angst und Hoffnung. Diese frühesten Bilder sind über 30’000 Jahre alt und doch unmittelbar verständlich. Sie zeigen, dass Kunst von Anfang an ein Mittel war, sich zu verorten – im Sichtbaren wie im Unsichtbaren. Ich vermisse bei vielen zeitgenössischen Arbeiten jene Aura, die entsteht, wenn Idee, Hand und Ritual eine Einheit bilden. Wenn ein Werk aus Körperwissen, Hingabe und gemeinschaftlicher Erfahrung hervorgeht, hat es eine andere Resonanz – eine Energie, die über das Objekt hinausweist. Doch die Fragen, die uns seit jeher bewegen, bleiben dieselben: Wie leben wir zusammen? Wie erinnern wir? Wie verwandeln wir Erfahrung in Form? Vielleicht liegt darin die eigentliche Kontinuität der Kunst: Sie hält uns einen Spiegel vor und erinnert uns daran, dass Schaffen immer auch ein Akt des Bewahrens ist.
F: Was für ein Kunstwerk oder Gegenstand würdest du heute beiseite legen, um in 200 Jahren einer zukünftigen Generation den aktuellen Zeitgeist zu verbildlichen?
AS: Wenn ich ein einziges Werk wählen müsste, um unseren gegenwärtigen Moment festzuhalten, wäre es ein Porträt von Sakir Khader aus seiner Serie „Yawm al-Fırak“ – eines jener Bilder, die Mütter zeigen, die um ihre Kinder trauern. In ihren Gesichtern verdichtet sich etwas, das weit über das Individuelle hinausweist: die Erfahrung von Verlust, Würde und jener stillen, unerschütterlichen Hoffnung, die selbst im Schmerz weiterlebt. Diese Gesichter erzählen nicht nur von Leid, sondern vom Fortbestehen des Menschlichen – davon, wie Liebe und Erinnerung selbst dort weiterwirken, wo Worte versagen. Dieses Bild ist ein Zeugnis – ein stilles Gegenbild zur Überreizung und Gleichgültigkeit, ein Versuch, Empathie zu bewahren, wo sie uns so oft abhandenkommt.


„Echte Inklusion bedeutet, Macht, Ressourcen und Verantwortung zu teilen und nicht nur einzelne Positionen symbolisch zu besetzen.“
F: 2015 hast du deine erste Galerie eröffnet und warst aufgrund von Geschlecht, Herkunft und Alter eine Ausnahmeerscheinung in der Kunstszene. Wie hat sich deren Diversität in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?
AS: Als ich meine erste Galerie eröffnete, gab es kaum junge Frauen in vergleichbaren Positionen und noch weniger mit nicht-westlichem Hintergrund. Zehn Jahre später hat sich etwas bewegt, doch die Strukturen bleiben erstaunlich homogen. Es gibt mehr Sichtbarkeit, aber nicht unbedingt mehr Teilhabe. Viele Institutionen inszenieren Diversität, ohne sie wirklich zu leben. Echte Inklusion bedeutet, Macht, Ressourcen und Verantwortung zu teilen und nicht nur einzelne Positionen symbolisch zu besetzen. Mich beunruhigt, wenn Vielfalt zur Ästhetik oder zum Trend wird. Wahre Offenheit ist ein Prozess: Sie verlangt Aufmerksamkeit, Zuhören, Dialog und Geduld. Mich interessieren Räume, in denen Diversität nicht inszeniert, sondern praktiziert wird. Wo unterschiedliche Perspektiven nicht nivelliert, sondern miteinander in Beziehung gesetzt werden dürfen. Vielleicht lässt sich das auch als eine Art kollektive Heilung verstehen: die langsame Arbeit an gerechteren Strukturen, an Vertrauen, an Begegnung. Ich glaube, Galerien können genau dafür Orte sein – Orte, die Vielfalt nicht abbilden, sondern ermöglichen.
F: Was den Verkauf von Kunst angeht, sind weibliche Urheberinnen noch immer stark unterrepräsentiert. Eine Ausnahme scheint Afrika zu sein. 2023 und 2024 wurde dort mehr Umsatz mit Werken von Frauen generiert gegenüber männlichen Künstlern. Woran könnte das liegen? Und was muss allgemein geschehen, damit der Kunstmarkt alle Geschlechter gerechter repräsentiert?
AS: Auf dem afrikanischen Kunstmarkt haben Künstlerinnen in den vergangenen Jahren erstmals höhere Umsätze erzielt als ihre männlichen Kollegen – einbemerkenswerter Moment. Doch es ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger kuratorischer Arbeit, neuer SammlerInnenkreise und einer wachsenden Aufmerksamkeit für weibliche Positionen. Sichtbarkeit hat hier buchstäblich Wert geschaffen. Für eine gerechtere Repräsentation braucht es jedoch mehr als Marktmechanismen: nämlich langfristige Verantwortung und ein echtes Umdenken. Der Kunstbetrieb muss Strukturen schaffen, die Vertrauen, Kontinuität und Fairness ermöglichen. Galerien, Museen und Institutionen sollten diese Verantwortung aktiv tragen durch Ankäufe, Mentoring, Care-Strukturen und faire Produktionsbedingungen.
F: Das Zusammenbringen von Menschen ist eine ganz eigene Kunst. Du betreibst sie inzwischen intensiv, beispielsweise indem du zu kulturellen Veranstaltungen und Partys einlädst. Wie ist es dazu gekommen, dass dieser Aspekt in deinem Schaffen immer wichtiger wurde?
AS: Menschen zusammenzubringen ist für mich Ausdruck einer Haltung – einer Offenheit, die auf Begegnung, Austausch und gemeinsames Erleben zielt. Ich bin in einer Kultur der Gastfreundschaft aufgewachsen – Feste, Musik, gemeinsames Essen und Gespräche gehören im Iran selbstverständlich zum Leben. Dieses offene Miteinander hat mich geprägt, und nach dem Umbau meiner Galerieräume wollte ich genau diese Energie in die Kunst übertragen: Ausstellungen mit Musik, Gespräch und Gemeinschaft verbinden. Mich interessiert, wie künstlerische Räume jenseits reiner Repräsentation oder ökonomischer Logik funktionieren können – als Orte des Austauschs, die nicht vom Marktwert, sondern vom Dialog getragen werden. Ich wollte neue Kontexte erproben, hybride Formate schaffen, die Vielseitigkeit und Resonanz feiern. Solche Räume bereichern nicht nur künstlerische Praktiken, sondern auch das kulturelle Gefüge einer Stadt. So entstand „The Loft Presents“ – eine multidisziplinäre Reihe mit Musik, Performances und Installationen, in die das Publikum aktiv einbezogen wird. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem sich Kunst- und Musikwelt begegnen, wo verschiedene Generationen und Perspektiven zusammenkommen. In einer Zeit, in der Polarisierung zunimmt und viele Orte des Austauschs verschwinden, sehe ich darin fast eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Mich inspiriert die Idee von David Mancusos legendären Loft Parties – das Zusammenbringen unterschiedlicher Communities durch Musik, Offenheit und gemeinsames Erleben. Ich sehe darin eine Parallele zu meiner Arbeit als Galeristin: Beides sind Plattformen für Kunst, Begegnung und Austausch. Weiblichkeit bringt in solche Formate eine besondere Energie – eine, die auf Intuition, Fürsorge und schöpferischer Kraft beruht. Vielleicht liegt genau darin ihr transformatives Potenzial. In einer Kunstwelt, die noch immer stark von Hierarchien und Exklusivität geprägt ist, ist diese Form von Offenheit und Diversität ein notwendiger Gegenentwurf. Und ja – es werden noch immer viel zu wenige Partys von Frauen veranstaltet. Auch das möchte ich ändern.
F: Worin liegt die Kunst, Menschen zusammenzubringen? Worauf achtest du bei der Planung deiner Events?
AS: Für mich liegt die Kunst darin, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen sich gesehen und willkommen fühlen. Jede Veranstaltung hat eine klare Intention und wird wie eine Ausstellung kuratiert: Welche KünstlerInnen, welche Räume, welche Energien treffen aufeinander? Ebenso wichtig ist eine natürliche, aufmerksame Gastfreundschaft. Alle sollen sich wohl und frei fühlen. Und ganz wesentlich, dass man sich auf der eigenen Veranstaltung wirklich amüsiert. Wenn du Freude hast, überträgt sich das unmittelbar auf deine Gäste.
„Ich vermisse bei vielen zeitgenössischen Arbeiten jene Aura, die entsteht, wenn Idee, Hand und Ritual eine Einheit bilden. “
F: Musik hat in deinem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Welche Art – KünstlerIn, Stilrichtung, Album – hörst du, wenn du dich ganz auf dich selbst konzentrieren willst?
AS: Wenn ich mich konzentriere oder arbeite, höre ich meist klassische Musik – Bachs Goldberg-Variationen, „Das Wohltemperierte Klavier“, Beethovens Streichquartette, Klavierstücke von Brahms oder die Sinfonien von Mahler. Ebenso begleiten mich Miles Davis und Keith Jarretts „Köln Concert“, klassische persische und indische Musik. Auch Traumprinz oder das Album „Dream 2 Science“ haben eine meditative Wirkung.
F: Und welche Art spielst du, wenn du dich mit anderen Menschen verbinden möchtest?
AS: Wenn ich für andere spiele, bewege ich mich meist zwischen Deep House, Jazz- und Dub-Einflüssen. Ich mag warme, rhythmische, hypnotische Musik – Klänge, die Verbindung schaffen, ohne zu vereinnahmen. Mir ist wichtig, Musik zu spielen, die ich selbst fühle und liebe. Wenn man mit der Musik verbunden ist, kann man diese Energie auch an andere weitergeben und einen gemeinsamen Moment schaffen. Kürzlich habe ich gemeinsam mit Mike D ein Set für Bangkok Community Radio aufgenommen – ein vielseitiger Mix, der genau diese Offenheit widerspiegelt.
F: Generative KI sorgt auch in der Kunstszene für Diskussionen. Vermeintlich kreative Schöpfungskraft ist plötzlich nur wenige Klicks entfernt. Einige sehen dadurch die Demokratisierung der Kunst, andere deren Niedergang. Wie beobachtest du diese Entwicklung?
AS: Ich sehe die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Technologischer Fortschritt ist spannend, aber generative KI stellt die Frage, was wir eigentlich unter Kreativität verstehen. Kunst ist mehr als die Produktion eines Bildes – sie ist Erfahrung, Intuition, Handwerk und Haltung. Wenn all das durch wenige Klicks ersetzt werden kann, verlieren wir etwas Wesentliches. KI kann ein Werkzeug sein, aber sie darf den menschlichen Prozess nicht verdrängen. Es geht darum, das Bewusstsein für Ursprung, Intention und Verantwortung zu bewahren.
F: Wie kann Kunst auch im Internet funktionieren, ohne dass sie zum bloßen „Content“ verkommt, der höchstens für ein paar Sekunden auf Social Media angeschaut und dann weggeswipet wird?
AS: Kunst im digitalen Raum funktioniert nur, wenn sie Haltung und Tiefe bewahrt. Es geht nicht darum, „Content“ zu produzieren, sondern Resonanz zu schaffen. Entscheidend sind Intention, Kontext und Authentizität – nicht nur Reichweite. Digitale Strategien können sinnvoll sein, wenn sie auf Dialog und Storytelling setzen. Gerade kollaborative Formate zeigen, wie Kunst auch online als gemeinschaftlicher Prozess erfahrbar wird. Kunst verliert an Bedeutung, wenn sie gefällig oder austauschbar wird. Sie braucht Vision, Haltung und Menschlichkeit – etwas das über den Bildschirm hinaus spürbar bleibt.
F: Wie kuratierst du deine eigene Internet-Nutzung? Gibt es Sites oder Social-Media-Profile, die dich besonders inspirieren?
AS: Mich inspirieren Plattformen, die sich mit Kultur, Geschichte, Musik oder gesellschaftlichem Wandel beschäftigen – etwa Earthly Education. Menschen, die ihre Reichweite nutzen, um für Gerechtigkeit und Frieden einzustehen, berühren mich weit mehr als jene, die bloß performen. Ich folge vor allem Accounts, die Wissen teilen, Diskurse anstoßen und Perspektiven öffnen. Eine Mischung aus kritischem Journalismus, Kulturmagazinen und visueller Inspiration hält mich wach und verbunden mit dem Zeitgeschehen.
F: Deine Installation an der Berlin Art Week trug den Namen „Soft Power“. Damit wird auch die fremde Einflussnahme auf Staaten durch nichtmilitärische Mittel bezeichnet – zum Beispiel durch kulturelle Vorbildfunktion. Was hat dich zu dieser Namensgebung inspiriert? Und wie beurteilst du jene Soft Powers, die aktuell das Weltgeschehen dominieren?
AS: Der Begriff „Soft Power“ hat mich nachhaltig geprägt, weil er beschreibt, wie Einfluss durch Kultur, Werte und Glaubwürdigkeit entstehen kann. Meine Installation „Soft Power“, die während der Berlin Art Week gezeigt wurde, überträgt diesen Gedanken auf eine kulturelle und gesellschaftliche Ebene. Es geht darum, Veränderung nicht durch Konfrontation, sondern durch Kunst, Musik, Dialog und Gemeinschaft zu fördern. Das Projekt versteht Kultur als sanfte, aber wirksame Kraft – als Medium, das Menschen verbindet, Resonanzräume schafft und neue Perspektiven eröffnet. Im Zentrum der Arbeit stehen persische Amphoren aus dem 16. bis 19. Jahrhundert – neu interpretiert als Trägerinnen kollektiver Erinnerung und weiblicher Resilienz. Sie treten in Dialog mit floralen Interventionen von Laura Angelone und einer 360°-Klangkomposition von Mehdi Behbudi, Vahide Sistani und mir. Inspiriert von der iranischen Frauenrechtsbewegung „Frau, Leben, Freiheit“, reflektiert die Arbeit transnationale feministische Erinnerungskulturen – erfahrbar durch Klang, Ritual und gemeinschaftliche Präsenz. Mich interessiert der weibliche Blick, der nicht patriarchalisch geprägt ist, sondern getragen von Empathie, Achtsamkeit und Verantwortung. Soft Power ist für mich eine weibliche Haltung: kraftvoll, aber nicht aggressiv; transformativ, aber nicht dominierend. Ich glaube an die heilsame Kraft von Kunst und Kultur. In einer Zeit, in der Angst, Fragmentierung und Erschöpfung geprägt ist, brauchen wir Formen des Miteinanders, die Heilung ermöglichen – individuell wie kollektiv. Kunst kann diesen Raum öffnen, uns sensibilisieren und an das Wesentliche erinnern. Zugleich ist Soft Power auch eine Antwort auf globale Machtverschiebungen, die wir erleben. Heute wirken politische, wirtschaftliche und mediale Kräfte oft subtiler, aber nicht weniger stark als offene Formen der Gewalt oder Kontrolle. Umso wichtiger ist es, diesen Dynamiken alternative Energien entgegenzusetzen – die des Dialogs, der Bildung und des Mitgefühls. Ich verstehe Soft Power als Plädoyer für Verbindung statt Spaltung, für Zuhören statt Lautstärke, für Transformation statt Stillstand – als Einladung, die leisen Kräfte der Kultur neu zu denken: als Instrument kollektiver Heilung, als Ausdruck von Hoffnung und als Grundlage einer empathischeren Gesellschaft.
„Was wir bräuchten, ist eine Außenpolitik, die wirklich feministisch handelt, im Sinne von Fürsorge, Empathie und Verantwortung.“
F: Geboren bist du in Teheran, noch immer hast du dort Familie. Wie hast du die vergangenen drei Jahre erlebt, in denen der Iran geprägt war von den Protesten nach dem Tod Jina Mahsa Aminis und aktuell vom Krieg im Nahen Osten?
AS: Was in den letzten drei Jahren passiert ist, war zutiefst schmerzhaft. Die Proteste im Iran begannen nicht erst mit dem Tod von Jina Mahsa Amini – sie stehen in einer langen Kontinuität des Widerstands. Schon in den 1980er-Jahren gingen Menschen, vor allem Frauen, für ihre Rechte auf die Straße. Ihr Mut zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte: Frauen, die das Risiko eingehen, ihre Stimme zu erheben, sich gegenseitig zu stützen und für die Rechte anderer einzustehen. Die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“, die weltweit Millionen Menschen inspiriert hat, war zugleich ein historischer Aufschrei und ein kollektiver Moment der Hoffnung. Ihr Echo war überall spürbar. Doch seit dem Angriff Israels und dem Zwölf-Tage-Krieg haben die Repressionen erneut zugenommen. Sanktionen und internationale Isolation lasten schwer auf der Bevölkerung. Sie schwächen die Zivilgesellschaft und stärken zugleich das Regime, ein gefährlicher Kreislauf, der Veränderung verhindert und Hoffnung untergräbt. Viele IranerInnen fühlen sich im Stich gelassen, von ihrer eigenen Regierung ebenso wie von der internationalen Gemeinschaft. Was wir bräuchten, ist eine Außenpolitik, die wirklich feministisch handelt, im Sinne von Fürsorge, Empathie und Verantwortung. Eine Politik, die auf Dialog, Bildung und die Stärkung zivilgesellschaftlicher Kräfte setzt, statt auf Abschottung und symbolische Gesten. Gleichzeitig existiert im Iran seit Jahrzehnten eine lebendige Zivilgesellschaft, die trotz Zensur, Überwachung und Gefahr an einer demokratischeren Zukunft arbeitet. Diese Stimmen von Frauen, KünstlerInnen und AktivistInnen dürfen nicht verstummen. Die vergangenen Monate haben aber auch gezeigt, wie komplex und widersprüchlich Solidarität sein kann. Die Geschichten und Körper von Frauen in dieser Region werden seit Langem instrumentalisiert – benutzt, um Kriege zu rechtfertigen, die angeblich zu ihrer Befreiung führen sollen. Das zeigt, wie leicht humanistische Werte geopolitisch vereinnahmt werden können. Mich beschäftigt, wie selektiv Empathie geworden ist: Wie laut Menschen Frauenrechte im Iran verteidigen, während sie schweigen, wenn palästinensische Frauen und Kinder bombardiert werden. Und hier meine ich ausdrücklich auch Teile der iranischen Diaspora. Diese Widersprüche offenbaren, dass echter Humanismus nicht teilbar ist. „Frau, Leben, Freiheit“ darf kein nationaler oder medialer Slogan bleiben – es ist ein universelles Prinzip, das nur dann Bedeutung hat, wenn es für alle gilt. Was mich trotz allem trägt, ist die Würde vieler IranerInnen, die – trotz Zensur, Angst und Entbehrung – weiter an eine gerechtere Zukunft glauben. In dieser Standhaftigkeit liegt etwas zutiefst Poetisches und Spirituelles: eine Erinnerung daran, dass Freiheit kein Zustand ist, sondern eine Praxis, die wir immer wieder neu behaupten müssen.
F: Wie haben dich diese politischen Ereignisse verändert, sowohl privat als auch in deiner Arbeit?
AS: Die politischen Ereignisse der letzten Jahre haben mich tief geprägt – persönlich wie beruflich. Ich empfinde eine große Erschöpfung, aber auch einen neuen Sinn für Verantwortung. Ich spüre, wie sehr sich die politischen Spannungen nicht nur im Iran, sondern weltweit und besonders hier in Deutschland verdichten. Der Rechtsruck, polarisierte Diskurse, die Erosion von Empathie: all das stellt unsere demokratische Kultur auf die Probe. Was wir allzu oft als selbstverständlich betrachten – Frieden, Freiheit, Demokratie – ist in Wahrheit fragil und alles andere als selbstverständlich. Geschichte wiederholt sich, erschreckend schnell. In diesem Klima wird künstlerisches Arbeiten unweigerlich politisch. Meine Arbeit ist dadurch radikaler im Denken, zugleich empathischer im Ausdruck geworden. Ich arbeite bewusster mit KünstlerInnen, deren Praxis von Integrität und Haltung getragen ist.
Viele meiner jüngsten Ausstellungen sind aus dieser inneren Dringlichkeit heraus entstanden – „S*heroes“, „Cast Out of Heaven“, „Soft Power“. Auch unsere Antikriegsausstellung „In 36’000 Ways“ war ein Zeichen gegen Gewalt und Komplizenschaft. Sie konfrontierte das Publikum unmittelbar mit der Realität des Krieges – jenseits abstrakter Berichterstattung. Mir ist es wichtig, KünstlerInnen aus Regionen zu zeigen, deren Stimmen im internationalen Diskurs selten gehört werden, insbesondere aus dem Globalen Süden. Mich interessieren Perspektiven, die Komplexität zulassen und stereotype Bilder hinterfragen. Wenn etwa über Frauen im Iran gesprochen wird, möchte ich nicht das Bild der passiven, leidenden Frau reproduzieren, sondern Stärke, Kreativität und Selbstbestimmung zeigen. „Woman’s Land“ veranschaulicht das eindringlich: Die Arbeiten feiern solidarische, mutige Protagonistinnen und die Dualität menschlicher Existenz – Widerstandskraft und Verletzlichkeit zugleich. Diese Zeit lehrt mich, dass Kunst nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine ethische Praxis ist. Vielleicht ist Liebe, in einem tiefen, verantwortungsvollen Sinn, die einzige Formel für Wandel: Liebe zu kultivieren, zu lernen, zu vermehren. Ich möchte mit Menschen zusammenarbeiten und leben, die Licht und Gegenentwürfe schaffen – auf Basis von Empathie, Gerechtigkeit und Verbundenheit. Letztlich ist das unsere Aufgabe als Kulturschaffende: Macht zu hinterfragen, Verantwortung zu übernehmen und Räume zu schaffen, in denen Solidarität und Mitgefühl zu gesellschaftlicher Handlung werden.
„Kunst ist mehr als die Produktion eines Bildes – sie ist Erfahrung, Intuition, Handwerk und Haltung.“
F: Politisch und gesellschaftlich verhärten sich die Fronten. Anhaltende Krisen scheinen Menschen in zwei verfeindete Teams zu treiben, die sich auf nichts einigen können. Insbesondere in den USA zensieren sich Institutionen vorsichtshalber selbst, um nicht anzuecken. Ist es schwieriger geworden, in diesem Umfeld Kunst zu kuratieren und Menschen zusammenzubringen?
AS: Die Fronten verhärten sich und damit wächst die Herausforderung, künstlerische Räume zu kuratieren und Menschen zusammenzubringen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns in einer Phase des sozialen Rückschritts befinden. Es gibt so viel Leid, so viel Krieg. Die Welt steht in Flammen und in den USA wie auch in Deutschland wird wieder erfolgreich eine ausgrenzende und hasserfüllte Politik betrieben. Jüngste öffentliche Debatten zeigen, wie salonfähig rassistische Narrative wieder geworden sind und wie sie das gesellschaftliche Klima weiter vergiften. Parallel dazu erleben wir einen Rückschritt in der Fähigkeit, wirklich zuzuhören und zu debattieren. Ob in der Politik, in den Medien oder selbst im Privaten. Man ist entweder dafür oder dagegen, Freund oder Feind. Für das Dazwischen bleibt kaum Platz. Diese Polarisierung zerstört Dialogfähigkeit, Vertrauen und Empathie. Gerade in Deutschland tragen wir eine historische Verantwortung, uns für Frieden, Menschenrechte und kulturelle Differenz einzusetzen. Dieser Verantwortung werden wir jedoch immer weniger gerecht und das schadet auch dem wichtigen Kampf gegen Antisemitismus. Besorgniserregend ist zudem die wachsende Tendenz zur Selbstzensur in Institutionen und die mediale Politisierung. Wenn Diskurse nur noch entlang von Schlagworten geführt werden, verlieren wir den Raum für Zwischentöne.
Die aktuelle Cancel-Kultur beunruhigt mich zutiefst: Stimmen werden pauschal diskreditiert, ohne inhaltliche Auseinandersetzung. In den USA etwa erleben wir, wie antifaschistische Gruppen kriminalisiert werden – ein gefährlicher Prozess, der legitimes Engagement delegitimiert und Spaltung vertieft. Doch gerade inmitten dieser Verdunklung wird Kuratieren selbst zu einer politischen Praxis. Es wird zur Haltung. Es geht nicht darum, trendy oder laut zu sein, sondern langfristig Strukturen zu schaffen, die Bestand haben: Orte, die Resonanz erzeugen, statt nur Aufmerksamkeit. Als Kulturschaffende tragen wir Verantwortung, Räume zu schaffen, in denen Vielfalt nicht zur Pose wird, sondern gelebte Realität. Sichere Orte, in denen Menschen sich austauschen, verletzlich sein dürfen, diskutieren, streiten, hoffen. Kunst kann hier Brücke und Brennpunkt zugleich sein – ein Medium, das verbindet, Widerspruch zulässt und neue Perspektiven eröffnet. Die kommenden Jahre zeichnen ein düsteres Bild. In dieser Zuspitzung wird Kunst zur Notwendigkeit. Wir brauchen Orte, an denen Menschen sich begegnen, austauschen und heilen können. Heilung wird zur Überlebenskunst und Kunst selbst zu ihrem Werkzeug.
F: Was stimmt dich trotz allem optimistisch, wenn du in die Zukunft blickst?
AS: Trotz allem bin ich optimistisch, weil ich spüre, dass sich etwas bewegt. Wir leben in einem Paradigmenwechsel – alte, oft eurozentrische und patriarchale Strukturen verlieren an Deutungshoheit. Es entsteht ein neues Bewusstsein dafür, dass kulturelle Arbeit nicht nur Repräsentation, sondern Verantwortung bedeutet. Mich stimmt hoffnungsvoll, dass immer mehr Menschen begreifen, wie sehr wir einander brauchen – dass Gemeinschaft, Empathie und Zusammenarbeit keine idealistischen Begriffe sind, sondern Überlebensstrategien. Vor allem Frauen und jüngere Generationen prägen diesen Wandel mit einer bemerkenswerten Klarheit und Konsequenz. Ich glaube an die Kraft kollektiver Intelligenz und an den Mut, bestehende Systeme zu hinterfragen, ohne in Zynismus zu verfallen. Wenn wir lernen, uns gegenseitig zu stützen, Wissen zu teilen und unsere Arbeit mit Achtsamkeit zu verbinden, kann daraus echte Veränderung entstehen. Authentizität, Respekt, Menschlichkeit und Ehrlichkeit sind dabei keine leeren Werte, sondern Kraftquellen. Sie bilden meinen inneren Kompass – und ich glaube, dass genau dort die Zukunft beginnt: in der Rückkehr zu dem, was uns verbindet.


ANAHITA SADIGHI
Galerien als Orte, die Vielfalt nicht abbilden, sondern ermöglichen: So beschreibt Anahita Sadighi ihre Vision. Mit 26 Jahren eröffnete sie ihre erste Kunstsammlung in Berlin. Inzwischen ist ihre gleichnamige Galerie zur Begegnungsstätte geworden. Nicht nur für BesucherInnen, sondern auch für Kunstobjekte aus diversen Epochen und Regionen. An der Berlin Art Week sorgte Anahitas Installation „Soft Power“ für Aufsehen und mit der Eventreihe „The Loft Presents“ bringt sie regelmäßig im wahrsten Sinn Bewegung in den Kunstbetrieb – durch Partys, Performances und interdisziplinäre Einbindung des Publikums. anahitasadighi.com
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Fotos: Akshita Garud, Clemens Poloczek, Roman März






