Der gefeierte Dichter, Romanautor und Essayist Ocean Vuong öffnet erstmals sein visuelles Tagebuch: Die Fotoausstellung „SỐNG“ ist eine intime Hommage an Familie, Verlust und die Nuancen des vietnamesisch-amerikanischen Immigrantendaseins. Bestaunen kann man sie bis zum 10. Mai 2026 im Center for Photography at Woodstock in NYC.

Ocean Vuong, geboren 1988 in Ho-Chi-Minh-Stadt und aufgewachsen in einer vietnamesisch-amerikanischen Arbeiterfamilie in Hartford, Connecticut, gilt als eine der prägendsten literarischen Stimmen unserer Zeit. In seinen preisgekrönten Werken – darunter die Romane „The Emperor of Gladness“ und „On Earth We’re Briefly Gorgeous“ sowie die Lyrikanthologien „Time is a Mother“ und „Night Sky with Exit Wounds“ – zeichnet er ein tief bewegendes Bild vom Alltag in der Diaspora, von Verlust, Liebe und Überleben. Diese Themen ziehen sich auch durch seine erste Fotografieausstellung SỐNG. Warum der Autor, der ebenso eindringlich spricht wie er schreibt, seine Bilder nun öffentlich zeigt, erklärte er in einem Interview mit Dazed: “In-between-ness is actually what the camera can do better than the sentence.”

Fotografie als neue Sprache
Die Bilder zeigen Schauplätze, die von pink beleuchteten Nagelstudios bis zu stillen, häuslichen Räumen reichen und so die Realitäten von ImmigrantInnen und Arbeiterfamilien in den USA einfangen. Besonders bewegend ist eine Serie intimer Porträts seines jüngeren Bruders. Diese entstanden in der Zeit gemeinsamer Trauer und des Neubeginns nach dem Tod ihrer Mutter.

In anderen Arbeiten dokumentiert Vuong Szenen rund um den 4. Juli, einem Tag, an dem der Dienstleistungssektor stets Hochkonjunktur hat. Er beobachtet, „wie dieser Moment eine dem amerikanischen Projekt innewohnende Spannung in sich birgt. Selbst Ruhe und Erholung zur Feier der Unabhängigkeit der Nation sind von Arbeit und Verlust abhängig.“

Leben, das lesbar wird
Vuongs Verhältnis zur Fotografie wurzelt in einer biografischen Erfahrung, wie er Dazed erzählte: Mit 18 lief er voller Stolz ins Nagelstudio seiner Mutter, mit der er als Zweijähriger aus Vietnam fürchtete, um ihr erstmals ein veröffentlichtes Gedicht zu zeigen. Doch ihre Reaktion traf ihn unerwartet: „Das ist großartig, mein Sohn. Ich wünschte, ich könnte es lesen.“ In diesem Moment wurde dem heutigen Professor für Kreatives Schreiben bewusst, dass sein schriftstellerischer Erfolg ihn zugleich von dem entfernte, was sie, die nicht lesen konnte, verstand.

Diese Kluft zwischen seiner literarischen Sprache und ihrer Lebensrealität brachte Vuong dazu, mit einer geliehenen Nikon die Welt zu fotografieren, die seine Mutter kaum zu sehen bekam: den Park, für den sie nach ihren Zwölf-Stunden-Schichten im Nagelstudio nie Zeit hatte, verlassene Gebäude in der Nachbarschaft, die Spuren des vietnamesisch-amerikanischen Arbeiterlebens.

Doch schon als Teenager nahm Vuong Bilder von der lokalen Skate-Szene und Punk-Konzerten auf. Diese frühe Neugier führte ihn schließlich in das Fotografie-Department seines Community Colleges in Connecticut. Jahre später fand dieses Medium wieder einen Platz im künstlerischen Alltag des Wortakrobaten.

Heute ist die Kamera fester Bestandteil von Vuongs Schreibpraxis. „Ich habe immer einen Fotoapparat dabei, das ist mittlerweile zu einer Gewohnheit geworden.“, sagt er. Als sein jüngerer Bruder bei ihm einzog, begann der Autor, auch diesen neuen Abschnitt ihres Lebens festzuhalten, wie er dem britischen Mode- und Kulturmagazin AnOther erzählt. Die Kamera wurde dabei zu einem gemeinsamen Instrument. „Man kann den Stift nicht wirklich teilen.“, sagt Vuong. Schreiben sei ein zögernder, korrigierender Prozess. Die Kamera hingegen nehme einfach auf. „Sie ist viel demokratischer als der Stift“, erklärt er. Sie akzeptiere alles, was im Bild erscheint – oft auch Dinge, die einem selbst erst bei längerem Betrachten ins Auge stechen würden. Manchmal stellte der für seine sanfte, nachdenkliche Stimme bekannte Autor das Stativ auf und ließ seinen Bruder den Bildausschnitt bestimmen, bevor dieser selbst ins Bild trat.


Der Titel SỐNG, vietnamesisch für „leben“, spielt zugleich auf das englische Wort „song“ an und evoziert Assoziationen zu poetischen Werken wie William Blakes „Songs of Innocence and of Experience“. In dieser Ausstellung, die noch bis zum 10.Mai im New Yorker Center for Photography at Woodstock (CPW) zu sehen ist, offenbart sich Vuongs kontinuierliche Suche nach Ausdruck.

Erfahre hier mehr über die Ausstellung.
Fotos: © Ocean Vuong
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