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Blonde for life: Debbie Harry im Portrait

by Michael Rechsteiner
15.05.2026
in CULTURE
Blonde for life: Debbie Harry im Portrait

Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Das neue Album von Blondie verzögert sich um ein paar weitere Wochen und soll im Herbst 2026 erscheinen. Die gute Nachricht: Es gibt ein neues Album von Blondie!? Höchste Zeit, Frontfrau und Pop-Ikone Debbie Harry aufs Podest für herausragende Pionierinnen zu heben.

Blondie inkl. 4 Non Blondes. © dpa picture alliance

Am 12. Juli 1979 eskalierte eine Explosion in Chicago den Konflikt. Rauchschwaden verdunkelten noch immer das Comiskey Park Baseballstadion, als tausende RandalierInnen aufs Feld stürmten. Polizei in Schutzausrüstung marschierte gegen das Chaos auf. Am Ende der Nacht waren 39 Menschen verhaftet und über 30 verletzt worden. Doch dem Feind, gegen den die KrawallmacherInnen angetreten waren, wurde in dieser Nacht ein empfindlicher Schlag versetzt. Nur wenige Monate später war er endgültig besiegt. Sein Name: Disco. 

Die „Disco Demolition Night“, bei der ein Rock-Radio-DJ für eine Werbeaktion 500 Disco-Platten in einem Baseballstadion in die Luft sprengte, ging als Höhepunkt eines bizarren Kulturkampfs in die Geschichte der US-Popkultur ein. Ende der Siebzigerjahre zog sich ein tiefer Schützengraben durch die Vinylregale und teilte die Jugend in zwei Lager: Wer Disco hörte, hasste Punk. Wer Punk hörte, hasste Disco. Doch es gab eine Band, auf die sich die coolsten Kids aus beiden Lagern einigen konnten. Sozusagen ein Wiener Kongress, der sowohl auf dem Dancefloor von Studio 54 als auch im Moshpit von CBGB’s ausgetragen wurde. Die Songs dieser Gruppe stifteten Frieden und sorgten doch für ganz viel Aufregung. Ihr Name: Blondie.

Musik zum Niederknien: Debbie Harry live in concert, 1979. © dpa picture alliance
Goldige Zeiten, 1978. © dpa picture alliance

Punk on Peroxide

Blondie war zwar schon immer mehr als Frontfrau Debbie Harry. Doch ohne Debbie Harry wäre Blondie nur vier bis fünf Männer in zu engen Hosen und ausstehenden Wohnungsmieten. Ihre Jugend verbrachte Deborah Harry in Hawthorne, New Jersey. Eine Art niedliche, aber leicht verfilzte Fussmatte zu New York City. Als Adoptivkind träumte Debbie bis tief in ihre Teenagerjahre davon, Tochter von Marilyn Monroe zu sein. Am anderen Ufer des Hudson Rivers, endlich angekommen in Manhattan, traf Harry 1973 einen jungen Mann, der die Gitarre ebenso gut beherrschte wie einen Fotoapparat. Mit Chris Stein und drei weiteren Chucks-Trägern gründete die Sängerin die New-Wave-Band Blondie. Die Musikszene im East Village wurde damals zusammengehalten von Jeansnähten und Testosteron. Ein G-G-Gi-Girl auf der Bühne!? Fast undenkbar. „Godmother of Punk“ Patti Smith genoss zwar den Respekt der Szene, doch schwang sie nicht in Minikleid und Overknee-Stiefel über die Zigarettenstummel der Kellerclubs. Chris wusste um das Alleinstellungsmerkmal und schickte Glamourfotos seiner Freundin – inzwischen waren Debbie und er ein Paar – ans Musikmagazin Creem. Ein Blick auf die Neo-Monroe aus der New Yorker Subkultur reichte, damit die Postille verkündete: Dieser Act wird ein Riesending. Und tatsächlich reichte die Band ihr musikalisches Talent schon bald nach.

Blondie © dpa picture alliance

From Hip-Hop to Hollywood

Im Krieg Punk gegen Disco zeichnete sich im Jahr 1978 noch kein klarer Gewinner ab. Also machte Blondie einfach beides. Songs wie „Heart of Glass“ und „One Way Or Another“ funktionierten unter der Glitzerkugel ebenso wie auf den Scherben von Bierflaschen. Und machten die Band mit ihrem dritten Album „Parallel Lines“ erst in England und dann in den USA zu Stars. Blondie zelebrierte zwar den typischen Rock’n’Roll-Hedonismus, doch Debbie Harry verlieh ihm einen femininen, feministischen Twist. David Bowie und Iggy Pop versuchten, bei ihr zu landen – vergeblich. Glaubte man bei anderen Bands, den sechswöchigen Tourbus-Schweiß durch die Stereo-Boxen zu müffeln, begleitete „The Tide Is High“ eine Prise von Chanel No. 5. Der leichtfüßige Tanz zwischen den Genres machte 1980 einen überraschenden Ausfallschritt mit dem Song „The Rapture“. In der letzten Strophe platzte Debbie in einen Sprechgesang, der die Mainstreamisierung von Rap um fünf bis zehn Jahre vorwegnahm. 

Noch immer Queen of Cool, 2024. © dpa picture alliance
Debbie u.a. mit Chris Stein (ganz rechts). © dpa picture alliance

In den folgenden Monaten wurden die Drogen mehr und die Ideen weniger. Doch war es eine seltene Autoimmunerkrankung von Chris, die das vorläufige Ende von Blondie besiegelte. Debbie wurde zu seiner Pflegerin – und zum Solostar, nicht nur hinter dem Mikrofon. Mit Filmrollen in „Videodrome“ und „Hairspray“ übertrug Harry ihre Eisköniginnen-Aura erfolgreich auf die große Leinwand. Andy Warhol und H.R. Giger versuchten, bei ihr zu landen – erfolgreich: Beiden Künstlern stand sie als Muse und Model Motiv. Als sich 1997 nach der Auflösung Blondie wieder zusammenfand, war das Herz der Band zumindest romantisch nicht mehr eine Seele; Debbie und Chris hatten in den Jahren zuvor ihre Liebesbeziehung freundschaftlich aufgelöst. Heute ist Harry die Patentante von Steins beiden Töchtern. Das Comeback geriet zum Triumphzug. Auch, weil all die Tamagotchi-BesitzerInnen endlich das Original erleben konnten, das den Grundstein für Bands wie No Doubt, Garbage und The Cardigans gelegt hatte. 

Hochtouren im United Kingdom, 1978. © dpa picture alliance

Showdown at High Noon

„Man muss erst fünfzig Jahre alt sein, bevor jemand bemerkt, dass man überhaupt etwas tut“, ätzte Debbie Harry 2021 im Interview Magazine. Doch manchmal kommt es vor, dass jemand aufs Parkett tritt und – die blonden Haare ausgeleuchtet wie ein Heiligenschein – vom ersten Moment an alle Blicke auf sich zieht. Und auch fünfzig Jahre später dank Stil und Charisma über Mode und Zeitgeist schwebt. Debbie sang einst „Die Young Stay Pretty“. Zumindest hier eiferte sie ihrem großen Idol Marilyn Monroe glücklicherweise nicht nach. Stattdessen soll noch in diesem Jahr das neue Blondie-Album „High Noon“ erscheinen, eine Konzerttour ist ebenfalls geplant. Disco und Punk haben als Jugendbewegungen längst ins Gras gebissen, sind heute nur noch Grabsteintexte, nach denen wir Spotify-Playlists sortieren. Überlebt haben die Songs und die Frau, die mit ihrem Gesang schon immer auf alle Labels gepfiffen hat.

Scout Debbie und die Muppets, 1976. © dpa picture alliance

Blondie in Camera 1978

Seine Kamera hat mehr Stars eingefangen als das Hubble Teleskop. Doch statt faul am Himmel rumzuhängen, schrieben die Subjekte von Martyn Goddard Musikgeschichte. 1978 reiste der Engländer nach New York, um Blondie zu dokumentieren. Er war zur perfekten Zeit am perfekten Ort: In jenem Jahr schoss die Band um Sängerin Debbie Harry vom New Yorker Underground in den Pop-Mainstream. Die 190 Aufnahmen in diesem Buch beweisen: The tide was high für New Wave und niemand ritt die Erfolgswelle cooler Miss Harry.
Martyn Goddard, „Blondie in Camera 1978“, ACC Art Books, 240 Seiten, ca. 28.— accartbooks.com

„Blondie in Camera 1978“, ACC Art Books

Auch blond, auch musikalisch, auch ikonisch: Dolly Parton.

Bis das neue Album erscheint, kannst du hier ein bisschen Merch shoppen.

Fotos: © dpa picture alliance

Tags: ACC Art BooksAndy WarholBlondieCBGBChanel No. 5ChicagoChris SteinComiskey ParkDavid BowieDebbie HarryDeborah HarryEast VillageEnglandhomepageHudson RiverIggy PopManhattanMarilyn MonroeMartyn GoddardNew JerseyNew York CityPatti SmithStudio 54The CardigansThe Rapture
Michael Rechsteiner

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