No more Mister Vice Guy: Don Johnson hat Miami längst hinter sich gelassen. Doch der Stil, den er in den Achtzigerjahren aus seinem Armani-Ärmel geschüttelt hat, prägt Mode und Popkultur bis heute. Über einen Farmjungen, der auszog, um alle Drogen zu nehmen, alle Herzen zu brechen – und schließlich so putzig wurde, wie Whatsapp-Fotos, die Eltern aus ihrem Kreta-Urlaub schicken.

In den Achtzigerjahren geschahen seltsame Dinge. Ein verkalkter ehemaliger Fernsehstar wurde zum Präsidenten gewählt, weil er versprach, Amerika wieder großartig zu machen. Er deregulierte die Märkte und entfesselte so eine Armee von Powersuits, die für ihre nächtlichen Überstunden tonnenweise Kokain und Songs von Huey Lewis and the News benötigten. Als Amerika bemerkte, wie süchtig dieses Zeug macht, war es schon fast zu spät: Huey Lewis hatte drei Nummer-1-Hits und die USA versank im weißen Pulver. Und nirgendwo lag in diesen Jahren so viel Schnee wie in Miami, Florida. Doch dann geschah etwas noch viel Seltsameres. Der bloße Name einer Polizeiabteilung wurde zum globalen Synonym für Coolness. Die Kleidung. Die Accessoires. Die Autos. Die Musik, die aus den Autos spielte. Alles kuratiert auf maximale Lässigkeit. All Cops Are Bastards? All Cops Armani. Zumindest im Schneeräumungsdepartment von „Miami Vice“. Der TV-Krimi wurde 1985 zum globalen Phänomen. Sein kulturelles Erbe zahlt sich bis heute aus. Bottega Veneta, Lemaire und Fendi haben für diesen Sommer Kollektionen lanciert, in denen man vorzugsweise einen Ferrari Daytona am South Beach parkiert. Auch Hollywood will nicht, dass die Party vorbei ist und streckt seinen puren 80s-Stoff so lange, bis es aufhört, im Kopf zu kribbeln; nach einer ersten Filmversion 2006 soll in zwei Jahren „Miami Vice“ erneut auf die Kinoleinwand kommen. Doch all diese Simulacra sind nur blasses Pastell gegen das Original. Und in dessen Zentrum stand ein Mann, der mit Dreitagebart und Fünftagekater fürs Fernsehen den Cop als Dressman neu erfand – im Privatleben aber manchmal auf der anderen Seite einer Polizeimarke gestanden hat.

Welcome to Miami
Bevor Don Johnson zum Schutzheiligen aller TrägerInnen von Designeranzügen mit Espadrilles wurde, stand er als Kind barfuß auf einem Feld in Missouri. Dort half er seinem Vater auf einer erfolglosen Farm. Statt den berollschuhten SonnenanbeterInnen auf dem Boardwalk den Kopf zu verdrehen wie Flamingos bei der Fütterung, sang der kleine Don am Sonntag im Kirchenchor. Es half nichts: Als Teenager geriet er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt – zu schnelle Autos hatten es Johnson schon früh angetan. In den kommenden Jahren fand man den aufstrebenden Schauspieler immer dort, wo die Drogen gerade am besten und der Sex am wildesten war: 1968 feierte Don mit den Hippies in San Francisco. Danach landete er im Dunstkreis von Andy Warhols Factory. Und immer wieder in Film-, Fernseh- und Theaterproduktionen, die den künstlerischen Wert einer nassen Serviette hatten. Einzige Ausnahme: der dystopische Sci-Fi-Kultfilm „A Boy and His Dog“ (1975). Doch dann, endlich, sprach der abgebrannte Junge vom Land für die Rolle seines Lebens vor.

Als „Miami Vice“ 1984 Premiere feierte, wurde das Fernsehen plötzlich kinoreif. Produzent Michael Mann formte mit dem künsterlisch ambitionierten Neo-Noir-Setting den Zeitgeist und konnte sich mit Don Johnson und Philip Michael Thomas auf zwei charismatische Hauptdarsteller verlassen. 15 Jahre lang hatte Don an Hungertuch und Quaaludes geknabbert. Plötzlich war er dank der Rolle von Sonny Crockett Weltstar – und zumindest für eine Zeit lang clean. Selbst als Johnson in einem Anfall von David-Hasselhoffismus eine Musikkarriere startete, entstiegen aus diesem künstlerischen Wrack anderthalb ganz okaye Songs ( „Heartbeat“, „Tell It Like It Is“). Als mit den Achtzigern auch deren prägendste Fernsehserie endete, gelang Don Johnson der Sprung ins nächste Jahrzehnt. In „Nash Bridges“ spielte er wieder den gequälten Polizisten. Doch diesmal fühlte sich die Serie nicht länger an wie ein Shot Whiskey, eher wie eine warme Tasse Milch. Ein Hit wurde sie trotzdem. Oder gerade deswegen.

Leaving Scandal Town
November 2002. Ein deutscher Zöllner überprüft am Grenzübergang zur Schweiz ein Auto. Er findet: Unterlagen zu suspekten Bankgeschäften in der Höhe von 8 Milliarden Dollar sowie 1 Hollywoodstar auf dem Beifahrersitz. Plötzlich stand Don Johnson mitten im Zentrum einer Finanzaffäre, die zu einer mäßig spannenden „Miami Vice“-Episode taugte. Wegen Verdacht auf Geldwäscherei sperrten zwei Banken kurzzeitig die Konten von Johnson. Ermittlungen konnten den Verdacht nicht erhärten. Der Skandal verlief im Sand, Dons eigenes Geld ebenfalls. Kostspielige Scheidungen, Steuerschulden und mehr gekaufte Ranches als verkaufte Hitalben holten den Schauspieler ein. Doch wenn du als Mann in Hollywood mit über 70 noch alle Haare hast und dein Lächeln die Raumtemperatur weiterhin um 3 Grad aufwärmt, gibt es immer was zu tun. Prominente Rollen in Filmen wie „Django Unchained“ und „Knives Out“ bewahrten Don vor der Versenkung. Seine jüngste Serie „Doctor Odyssey“ beantwortet die Frage, wie es wohl wäre, wenn die „Schwarzwaldklinik“ auf dem „Traumschiff“ operierte. Klingt so aufregend wie Baldrian-Pastillen. Doch wer früher Sonny-Crockett-Poster an der Wand hatte, schaut sich so langsam nach einem Klappsitz für die Dusche um.






Little Book of Miami Style
Paul Poiret und Coco Chanel machten Paris zur Stadt der Mode. In Miami waren es Korallenpink und Kokain. Keine andere amerikanische Stadt hat einen so distinktiven Look hervorgebracht wie die südlichste Metropole der Vereinigten Staaten. In ihrem „Little Book of Miami Style“ blickt Autorin Ashley Brozic auf die modische Prägung vom schillerndsten Punkt im Sunshine State. Von „Versace, Gianni“ bis „Vice, Miami“ – und allen anderen Buchstaben im Alphabet. Wer alle seine Socken bereits verbrannt hat, aber noch immer ein paar Schritte hinter Don Johnson zurückliegt: Dieses Buch verschafft Abhilfe.
Ashley Brozic, „Little Book of Miami Style“, Hachette UK, 160 Seiten, ca. 23.—, hachette.co.uk

Die süßen Hundebilder? Findest du auf Dons Instagram.
Fotos: © pa picture alliance (dpa)
Ebenfalls ein alter Hollywood-Hase: Jack Nicholson.






