In einer Zeit, die von existenzieller Erschöpfung und unaufhörlichem digitalem Lärm geprägt ist, findet die Saison der Frühling-Sommer 2027 Kollektion Zuflucht in zwei scheinbar gegensätzlichen Freuden: der Freiheit der Leichtigkeit und dem Nervenkitzel des Übermasses. Transparente Stoffe fangen den Wind ein, die Schneiderei lockert ihre Regeln, und gezielte Unordnung fordert die überpolierte Gleichförmigkeit einer zunehmend künstlichen Welt heraus. Die Silhouetten verändern sich, wobei Röcke ihre Bedeutung unterstreichen – am deutlichsten bei Prada, wo alle 63 Laufsteg-Looks einen Rock enthielten. Dann wendet sich die Stimmung dem Genuss zu. Distressed-Denim, unkonventionelle Sommer-Tweeds, üppige Verzierungen und glänzendes Vinyl sorgen für Textur, Reibung und Charakter. Taschen werden ausgesprochen wild, während das Schuhwerk in extravagante Absurdität abdriftet.
Hier sind unsere 13 Top-Trends, die den Frühling-Sommer 2027 prägen werden
1. Das Streben nach Leichtigkeit
Leichtigkeit nimmt viele Formen an, von transparenten Lagen und feinen Plissees bis hin zu wogenden Volumen und sanft gerafften Silhouetten. Stoffe dehnen sich aus und fallen um den Körper herum, sodass selbst aufwendige Konstruktionen Raum zum Atmen haben. Rick Owens sorgt für eine unerwartete Zerbrechlichkeit: ein eindringlich weiches, transparentes Kleid aus cremefarbenem Organza, das seine typische gotische Schwere ablegt. Bei Issey Miyake lässt das japanische Konzept des «Ma» Luft zwischen Stoff und Körper zirkulieren.


2. Die Farbgeschichte
Die Schlüssel-Farben der Saison fangen ihren zentralen Widerspruch ein: Eisblau spiegelt die Ruhe der Leichtigkeit wider, während leuchtendes Orange den Nervenkitzel des Übermasses bringt. Das eine kühlt, das andere elektrisiert. Bei Tod’s meistert Matteo Tamburini das Color-Blocking souverän, indem er ein knackiges, leuchtend orangefarbenes Hemd unter einem elfenbeinfarbenen, durchbrochenen Strickoberteil schichtet. Maximale Wirkung, ohne sich zu sehr anzustrengen.


3. Das Rock-Diktat
Hosen werden mit der gnadenlosen Effizienz beiseitegeschoben, mit der Heinrich VIII. seine Ehefrauen entsorgte. Röcke geben den Ton an. Massgeschneiderte Schnitte nehmen jede erdenkliche Form an, Panniers erleben ein modernes Revival und Bubble-Säume weigern sich, in den Ruhestand zu gehen. Aufgeschnittene, fächerförmige Säume – besonders bei Hermès – lassen bei jedem Schritt verborgene Unterkleider aufblitzen. Scharfes, reines Drama. Null Funktion.


4. Dekonstruiertes Indigo
Denim hat eine weitaus grössere Präsenz als in den vergangenen Saisons. Der klassische Canadian Tuxedo wird durch architektonische Schichtung und strategische Schnitte zerlegt – ein Ansatz, den Ujoh meisterhaft umsetzt. Denim-Mikroshorts tauchen auf zahlreichen Laufstegen auf, wobei einige DesignerInnen ihren gewagten Proportionen ein überraschendes Mass an Raffinesse verleihen. An anderer Stelle schlägt Denim eine deutlich femininere Richtung ein, mit Spitze, Stickereien und Dévoré-Einsätzen in Raw Denim – ein Kontrast, den Dolce & Gabbana besonders gut umsetzt. Und Destroyed Jeans? Anscheinend ist sein einstweilige Verfügung abgelaufen. Ob’s uns gefällt oder nicht: Die Fetzen sind wieder da.


5. Die Top-Themen
Die Oberteile dieser Saison kommen mit einem ziemlich begrenzten Stoffverbrauch daher. Bralettes, Bandeaus, BHs und extrem tiefe Ausschnitte – manche bieten weniger Bedeckung als ein Pflaster. Bei Saint Laurent verleiht Anthony Vaccarello dem Trend poetische Tiefe mit einem strukturierten Neckholder-Bralette, das mit dichter Goldperlenstickerei und dreidimensionalen Metallic-Texturen verziert ist. Bei Hermès präsentiert Nadège Vanhée verschiedene Bandeau-Looks, wobei besonders in Erinnerung bleibt, wie sie das Carré Brise de Charme des Hauses als Bandeau stylt.


6. Der Anti-Business-Look
Eine kalkulierte Subversion zieht sich durch die Schneiderei. Blazer, Hosen und verlängerte Gilets legen ihre Steifheit aus dem Sitzungssaal ab – mit weichen Schultern und grosszügigeren Proportionen. Klassische Bleistiftröcke sitzen tiefer auf den Hüften, ihre starre Konstruktion weicht einer fliessenden Silhouette. Bei Chanel taucht die tief sitzende Taille als wiederkehrendes Stilelement auf, wobei das Styling durch Kontraste besticht: Breite, strukturierte Statement-Gürtel sitzen tief auf den Hüften und betonen den lockeren Schnitt sowie die weiche Schnittführung der Unterteile aus Tweed.


7. Anti-Romantik
Hochglänzendes Vinyl durchbricht die sanftere Stimmung der Saison und sorgt für die ultimative Anti-Romantik-Ästhetik – Ceylor. Bei Miu Miu nimmt es die Form einer strukturierten violetten Reissverschlussjacke an, während Ferragamo mit einem transparenten, figurbetonten olivgrünen Etuikleid noch eleganter auftritt.


8. Tweed für den Sommer
Nichts kündigt einen schwülen Juli so sehr an wie ein Stoff, der ursprünglich dafür entworfen wurde, den schottischen Wetterbedingungen zu trotzen. Dolce & Gabbana, Thom Browne, und Matthieu Blazys Chanel liefern jedoch überzeugende Argumente dafür, Tweed bei 37 Grad Hitze zum Mittagessen an der Avenue Montaigne 41 zu tragen. Sie schaffen das mit leichteren Schnitten und viel nackter Haut. Die Opulenz des traditionellen Tweeds bleibt erhalten, doch sein Gewicht und seine Förmlichkeit weichen frechen Proportionen und einer ausgesprochen sommerlichen Ausstrahlung.


9. Anti- Less is More
Ein herrlicher, unverhohlener Überfluss prägt die Verzierungen dieser Saison. Aufwendige dreidimensionale Perlenstickereien, Stickereien und massive Metallbeschläge machen den Minimalismus zum Gespött. Die Handwerkskunst ist unbestreitbar. Bei Dolce & Gabbana strotzt die Frühling-Sommer-Kollektion 2027 nur so vor Verzierungen. Emaillierte Kameen, mit Perlen besetzte Broschen und Büschel aus rubinroten, smaragdgrünen und saphirblauen Kristallen. Der Effekt ist wild psychedelisch. Nicht, dass wir das wüssten – dieses LSD damals in den Neunzigern? Wir haben es nur für einen Freund aufbewahrt.


10. Rosen sind rot, langweilige Blumen-Sommerkleider sind tot
Blumenprints reichen von nostalgischen Pop-Art-Blütenblättern bis hin zu dunkleren, stimmungsvolleren botanischen Motiven – ohne gross auf das klassische Frühlingssommerkleid einzugehen. Bei ABRA treffen zarte Drucke auf schwerere Stoffe und unerwartete Lagenlooks. TTSWTRS verwandelt das abgedroschene Klischee der Frühlingsblumen in ein visuelles Highlight. Getreu der von Tattoos inspirierten Identität der Marke erweckt ein Catsuit den Eindruck, als wären botanische Motive direkt auf die nackte Haut tätowiert – Blumen, die scheinbar direkt aus dem Körper blühen.


11. Schuppen & Pailletten
Wenn es dir gefällt, an einer Cocktailparty wie ein schickes, gepanzertes Gürteltier auszusehen, ist das dein Moment. Überlappende Pailletten und skulpturale, gewellte Scheiben schaffen schuppenartige Oberflächen, die bei jeder Bewegung das Licht einfangen. Die «SKIN»- Kollektion von ANREALAGE geht noch einen Schritt weiter – mit E-Ink-Schuppen, die Farbe und Muster in Echtzeit ändern.


12. Wild Things
Dem Must-Have-Trend der Saison bei den Handtaschen nach zu urteilen, könnten die ersten Reihen der nächsten Fashion Week wie ein ZoodirektorInnen-Treffen aussehen. Leopardenflecken, Tigerstreifen und Oberflächen im Python-Look ersetzen dezente Neutraltöne durch exotische Drucke. Die Baguette von Fendi setzt auf pelzartige Texturen, dicht bestickte Reptilienmuster und Kalbsleder mit Leopardenmuster. Die Cigale von Dior tauscht ihre neutralen Töne gegen Leder im Python-Look einwährend Chanels ikonische Flap-Bag ihre tadellosen Park-Avenue-Manieren gegen Apex-Markierungen eintauscht.


13. Grelle Übertreibung?
Kitten-Heels Slides feiern ein Comeback, doch der eigentliche Schuhtrend steht ganz im Zeichen des unverhohlenen Übermasses. Bei Dolce & Gabbana verschwinden hochragende Stiletto-Stiefel unter goldenen Texturen und juwelenbesetzten Clustern und sorgen so für hyperbarocke Extravaganz. Chanel verleiht klassischen Absätzen mit einem glänzenden Pik-Ass-Motiv eine verspielte Note, während Thom Browne Pumps in surrealistische Käfer verwandelt und Moschino cartoonartige, gepolsterte Verspieltheit einführt. Ein skandalöses Experiment ästhetischer Provokation, das unsere Vorstellungen von gutem Geschmack fröhlich in Frage stellt? Klar. Aber wenigstens sind es keine Crocs.


Die Trends für Frühling-Sommer 2027 haben etwas wunderbar Trotziges an sich. Hinter ihren Kontrasten verbirgt sich eine Einladung, den Lärm zum Schweigen zu bringen, dem Künstlichen zu entfliehen und die körperliche Freude an der Mode wiederzuentdecken – eine Welt, die noch immer Raum für Handwerkskunst, Fantasie und sogar ein wenig Absurdität bietet.
Teaser & Fotos: © Launchmetrics SpotlightSM
Was wir im Herbst/ Winter 2026/27 tragen? Wir sagen es dir. Hier gibt’s den ganzen Report.






