Die Hermès Frühling-Sommer-Kollektion 2027 lebt von einem feinen Gespür für Sinnlichkeit und setzt ganz auf die unmittelbare Wirkung von Materialien, die sich mit dem Körper bewegen. Sie lebt vom rohen, intensiven Duft von Leder, dem sanften Streichen von Seide auf nackter Haut und einer Farbpalette, die eine fast blendende Hitze entfaltet. Die Kleidungsstücke fangen die Atmosphäre einer wechselnden Jahreszeit aktiv ein und machen das Herannahen des Sommers greifbar. Indem das Haus die gesamte Silhouette auf Luft und funktionelle Bewegungsfreiheit ausrichtet, verankert es sein historisches Vokabular – sein Leder, seine Seide, seine Reitsport-Elemente – erfolgreich in einem modernen Ausdruck absoluter Schwerelosigkeit.
Die Hermès Frühling-Sommer-Kollektion 2027
Nadège Vanhee greift auf das Bandeau zurück – ein Kleidungsstück, das leicht aufreizend wirken kann – und nutzt es, um die Silhouette mit Präzision aufzubrechen. Unter transparenten Netzstoff-Teilen oder unter aufgeknöpfter Oberbekleidung getragen, wirken diese kleinen Hautstreifen eher durchdacht als provokativ. Doch der eigentliche Clou liegt im Styling: den Oberkörper in Cavalcadour-plissé-Seidenschals zu hüllen. Ein Trick, der herrlich lässig wirkt, auch wenn seine Umsetzung ein ganzes Team von HandwerkerInnen erfordert.

Perforationen werden eingesetzt, um die Beschaffenheit der Stoffe grundlegend zu verändern. Bei Oberbekleidung, Kleidern und Röcken entziehen Reihen ordentlicher Löcher dem Material sein natürliches Gewicht und seine Dichte. An anderen Stellen sind Einsätze zu langen vertikalen Säulen geformt, die sich am unteren Ende zu fächerartigen Schlitzen öffnen, sodass das schwere Leder Luft einfangen und sich von seiner streng definierten Silhouette befreien kann.

Und dann ist da natürlich noch das Leder an sich. Schliesslich wir reden hier von Hermès. Die Texturen sind außergewöhnlich – glänzendes Lammleder, gewachstes Kalbsleder und ein doppelseitiges Wildleder, das sich so leicht anfühlt wie Baumwollstoff.

Eine der besonders schönen Ideen vereint zwei der charakteristischen Materialien des Hauses: feine Streifen aus Nappa-Lammleder, die auf luftigen Seidentüll aufgestickt sind. Aus der Ferne wirkt es wie Transparenz; aus der Nähe ist die Verarbeitung außergewöhnlich filigran.

Die Farbpalette beginnt mit einer kühlen, bewussten Zurückhaltung – aufgebaut auf einer soliden Basis aus Cremeweiß, Eisblau, Beige, Anthrazit und tiefen Brauntönen. Doch die eigentliche Geschichte entfaltet sich erst, wenn die Kollektion richtig in Fahrt kommt. Die Entwicklung entflammt mit Sonnenblumengelb und Kupfer, gewinnt zunehmend an Intensität, bis sie in kräftigen Akzenten aus gebranntem Orange und einem auffälligen Korallenrot gipfelt.


Detail
Vanhee war noch nie eine Designerin für große, leere Gesten; ihr Markenzeichen bei Hermès liegt in mikroskopischer Präzision. Details zählen. Anstatt um Aufmerksamkeit zu buhlen, fungieren sie als unterschiedliche Ausdrucksformen eines einzigen, zusammenhängenden Gedankens.
Eine lässige, cremefarbene Bomberjacke wirkt durch Ärmel, die sich per Reißverschluss öffnen lassen und den Blick auf bedruckte Seidenschal-Einsätze freigeben, besonders edel, während andere Stücke einen Kragen mit Lederriemen aufweisen, der unaufdringlich an die Reitsport-Wurzeln des Hauses anknüpft.

Reißverschlüsse an Cargohosen und modularen Röcken sind rein pragmatisch und ermöglichen es der Trägerin, die Proportionen nach Lust und Laune zu erweitern, zu verengen oder zu kürzen.

Schaut man genauer hin, beginnen sich die Referenzen zu überschneiden. Das Brise-de-Charme-Carré, ursprünglich 1990 von Julie Abadie entworfen und vom Studio Dessin neu interpretiert, kehrt auf fließenden Seidenstoffen in dunkleren Farbvarianten zurück. Seine Fächer-Motive treffen auf eine weitere Quelle der Präzision: das japanische Katagami, die Kunst der handgeschnittenen Schablonen, die sich in den exakten Perforationen und Ausschnitten widerspiegelt, die in die Kleidung und das Leder eingearbeitet sind.

Über die Taschen
Die Kelly Hobo 26 kehrt auf den Laufsteg zurück und setzt damit den Fokus des Hauses auf die Neugestaltung seiner klassischen Modelle fort. Bei dieser Version wurden die alten D-Ring-Schlaufen aus Metall komplett durch einen nahtlosen, durchgehenden Leder-Schulterriemen ersetzt. Das Ergebnis ist eine deutlich leichtere, architektonischere Weiterentwicklung, die eine historisch eher starre Ikone vollständig in den Bereich der Alltagsnützlichkeit überführt.

Die Garden Party Voyage 49 aus Toile Officier und Negonda-Leder ist wunderschön schlicht, ihr sattes Orange vermittelt die Wärme der Kollektion mit perfekter Klarheit. Die Mangeoire PM Chaîne Torsade erinnert an einen Futtereimer aus dem Reitsport: Ihr zylindrischer, perforierter Lederkörper steht im Kontrast zu einem übergroßen, polierten Kettengriff, der eine fast schon geschirrartige Härte ausstrahlt. Der Sac à dos Toron kombiniert einen offenen Netzkörper mit glattem Leder am Boden und am Rand. Kontrastnähte und klare Kordelzüge sorgen für eine grafische Optik, während die Transparenz den Inhalt zum Teil des Looks macht.

Ganz im Sinne von Nadège Vanhee ist Verführung niemals aufgesetzt; sie ergibt sich ganz natürlich aus der Art und Weise, wie die Kleidung den Körper umspielt. Die neue Kollektion von Hermès ist Sommer in seiner körperlichsten Form: Luft auf der Haut, in Leder gespeicherte Wärme, Seide, die sich bei jeder Bewegung hebt, Farben in voller Intensität. Und doch gleitet nichts in Trägheit ab. Selbst in ihren sinnlichsten Momenten bleibt die Kollektion in Präzision, Zielstrebigkeit und der Disziplin von Hermès verankert.
Die ganze Hermès SS27 Show findest du hier.
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Teaserfoto & Fotos: © Launchmetrics Spotlight






