Wir gehen aufs Licht zu – wenn wir geboren werden und wenn wir sterben. Und in der Zeit dazwischen? Reichen wir Ideen, Traditionen und Kulturen weiter, von einer Generation zur nächsten. Indem wir singen, schreiben, feiern, malen. Oder wie im Fall von Salù Iwadi Studio durch das Entwerfen von Collectible Design Objekten. Die Kreationen von Toluwalase Rufai und Sandia Nassila erfüllen einerseits ihren offensichtlichen Zweck; sie machen den Raum hell, bieten Platz zum Ausruhen. Doch viel wichtiger ist die hintergründige Funktion als Speicher für die spirituellen und handwerklichen Schätze ihrer Heimat. Im gemeinsamen Interview erzählt uns das Duo über Afrikas Rolle in der kontemporären Designwelt, die Inspiration hinter der Gèlèdé Lamp Collection sowie welche Musik besonders mit ihren Werken harmoniert.


FACES: Was ist die Essenz von Salù Iwadi Studio?
Salù Iwadi: Im Mittelpunkt steht der Wunsch, Räume, Objekte und Erlebnisse zu schaffen, die Menschen wieder mit dem kulturellen Vermächtnis und Wissensformen verbinden, die im zeitgenössischen Designdiskurs oft übersehen werden. „Iwadi“ bedeutet im Yoruba „Erforschung“ oder eine Rückkehr zum Ursprung. Wir verstehen Design als eine Möglichkeit, Geschichten, Rituale, Materialien und Kosmologien in zeitgenössische Formen zu übersetzen. Unsere Mission ist es, Arbeiten zu schaffen, die sich sowohl tief verwurzelt als auch radikal zeitgemäß anfühlen. Und gleichzeitig zu einer breiteren Diskussion darüber beizutragen, wie afrikanisches Design die globale Kultur heute prägen kann.
F: Welche Einflüsse prägen euer ästhetisches Empfinden? Gibt es viele Überschneidungen zwischen euch beiden oder unterscheiden sich diese teilweise stark?
SI: Wir sind stark von unseren jeweiligen Kulturen geprägt: Toluwalase kommt aus Nigeria und stammt von den Yoruba ab, Sandia kommt aus Madagaskar und von den Komoren – Kulturen, die von einer vielfältigen Mischung aus austronesischen, Swahili- und ostafrikanischen Einflüssen geprägt sind. Diese unterschiedlichen kulturellen Grundlagen prägen unweigerlich die Art und Weise, wie wir Objekte, Räume, Rituale und Formen von Schönheit wahrnehmen. Architektur, traditionelle Formen, rituelle Objekte und spirituelle Systeme auf dem gesamten afrikanischen Kontinent beeinflussen unsere Arbeit. Auch Musik ist für uns eine wichtige Inspirationsquelle; Rhythmus, Wiederholung, Atmosphäre und Emotion prägen oft unsere Herangehensweise an Form und räumliche Komposition. Auch unsere Städte inspirieren uns täglich. Das Leben und Arbeiten an Orten wie Lagos und Dakar prägt unweigerlich unsere Sensibilität. Ihre Energie, Texturen, Architekturen, Farben und sozialen Dynamiken hinterlassen Spuren in unserer Arbeit. Gleichzeitig bringen unsere unterschiedlichen Hintergründe komplementäre Perspektiven in die Praxis ein. Toluwalase geht Projekte oft über räumliches Denken, Struktur und Form an, während Sandia einen stärkeren Fokus auf Narrativ, Emotion und kulturelle Positionierung legt. Der Dialog zwischen diesen Perspektiven ist für unsere Praxis essenziell; Projekte entstehen durch Gespräch, Austausch und Recherche und nicht aus einer singulären Vision.
F: Was steht bei einem neuen Entwurf an erster Stelle: Eine Geschichte, die man erzählen möchte, eine Funktion, die erfüllt werden muss? Oder etwas ganz anderes?
SI: Wir beginnen oft mit der Erforschung einer kulturellen Praxis, eines Symbols, einer Geste, einer Materialtechnik oder eines spirituellen Systems und entdecken dann nach und nach, welche Art von Objekt oder Raum aus dieser Untersuchung entstehen könnte. Die Erzählung steht in unserem Prozess immer im Mittelpunkt. Selbst wenn ein Werkstück hochfunktional ist, möchten wir, dass es über den rein praktischen Nutzen hinausgeht. Wir möchten Design immer als Mittel zum Erzählen von Geschichten nutzen. Manchmal sind diese Geschichten kultureller oder spiritueller Natur und in Kosmologien, Ritualen oder Formen des kollektiven Gedächtnisses verwurzelt. Sie können sich aber auch mit sozioökonomischen und ökologischen Realitäten befassen, die im Alltag verankert sind. So entstand beispielsweise das Water Basin Totem aus der Reflexion über die Allgegenwart von Plastikwasserbecken in westafrikanischen Städten – Objekte, die eng mit dem häuslichen Leben, dem Zugang zu Wasser, der Wasserspeicherung, der Mobilität und informellen Wirtschaftszweigen verbunden sind. Das Projekt untersucht, wie ein gewöhnlicher Alltagsgegenstand zu einem Medium für die Diskussion weitreichender ökologischer und sozialer Fragen werden kann. Durch die Verwendung von recycelten Materialien zielt die Installation darauf ab, das Bewusstsein für drängende Wasserprobleme in ganz Afrika zu schärfen und gleichzeitig zum Nachdenken und zum Dialog über Wasserschutz, Nachhaltigkeit und die gemeinsame Verantwortung für den Schutz der kostbaren Gewässer des Kontinents anzuregen. Letztendlich messen wir Bedeutung und Erzählkunst ebenso viel Gewicht zu wie Funktion und Ästhetik. Für uns sind die stärksten Werke jene, in denen all diese Dimensionen miteinander verschmelzen, in denen ein Objekt nicht nur schön oder nützlich ist, sondern auch eine Idee, eine Geschichte oder eine emotionale Resonanz vermitteln kann.

„Wir möchten Design immer als Mittel zum Erzählen von Geschichten nutzen.“
F: Spielen aktuelle Trends oder kommerzielle Überlegungen in eurer Arbeit eine Rolle, oder bemüht ihr euch bewusst, diese zu vermeiden?
SI: Wir versuchen, nicht nach Trends zu arbeiten, da Trends oft zyklisch und von äußeren Einflüssen bestimmt sind. Unser Prozess verläuft in der Regel viel langsamer und basiert auf Recherche, Materialexperimenten und langen Gesprächen mit HandwerkerInnen und KooperationspartnerInnen. Natürlich gibt es kommerzielle Realitäten, besonders als junges Studio. Aber wir glauben, dass die stärksten Arbeiten daraus entstehen, im Laufe der Zeit eine kohärente Sprache zu entwickeln, anstatt auf Markttendenzen zu reagieren. Ironischerweise scheint die Arbeit umso universeller Anklang zu finden, je spezifischer und aufrichtiger sie wird.
F: Wenn eine Wohnungseinrichtung das Wesen ihrer BesitzerInnen widerspiegelt, wie würdet ihr jemanden beschreiben, der Stücke von euch Zuhause hat?
SI: Wahrscheinlich jemanden, der Atmosphäre und Bedeutung ebenso schätzt wie Ästhetik. Jemanden, der neugierig und emotional sensibel ist und Freude daran hat, mit Gegenständen zu leben, die Geschichten, Erinnerungen und Präsenz in sich tragen.
F: Möbel bestimmen die Stimmung eines Raumes genauso wie Musik. Welche Platte würdet ihr empfehlen, um sie inmitten eurer Kreationen abzuspielen?
SI: Das hängt wahrscheinlich vom jeweiligen Stück und der Atmosphäre ab. Aber zum Beispiel beim Patewo Chair würden wir uns ganz natürlich zum Neo-Soul hingezogen fühlen. Neo-Soul hat etwas an sich, das sehr gut zur emotionalen Welt des Stücks passt: seine Sanftheit und zugleich seine Kraft, sein Rhythmus, seine Introspektion, seine Sinnlichkeit und seine vielschichtige Herangehensweise an Identität und kulturellen Ausdruck. KünstlerInnen wie Solange, Erykah Badu und D’Angelo verkörpern alle unterschiedliche Facetten dieser Energie: Intimität, Spiritualität, Widerstand, Bewegung und kollektives Gedächtnis.
F: Kommen wir zu eurem neuen Projekt. Die Gèlèdé Lamp Collection ist inspiriert von der gleichnamigen Yoruba-Festtradition, die die spirituelle Kraft weiblicher Vorfahren feiert. Habt ihr persönliche Verbindung zu diesem Fest oder Erinnerungen daran?
SI: Unsere Verbindung zu Gèlèdé ist eng mit der skulpturalen und symbolischen Welt verbunden, die diese Tradition umgibt, insbesondere mit den Masken, Kopfbedeckungen und geschnitzten Formen, die Vorstellungen von Weiblichkeit, Schutz, Weitergabe und spiritueller Kraft verkörpern. Wir waren fasziniert davon, dass diese Objekte nicht einfach nur dekorativ sind, sondern Träger von Präsenz, Performance und kollektivem Gedächtnis. Gleichzeitig wurde die Kollektion für uns zu etwas viel Persönlicherem. Während wir die Stücke entwarfen, dachten wir immer wieder an unsere eigenen Mütter und an die Vorstellung von mütterlicher Stärke, Fürsorge, Opferbereitschaft und der Weitergabe von Traditionen über Generationen hinweg. Unsere beiden Mütter haben jeweils drei Kinder zur Welt gebracht und großgezogen, und das hat die Konzeption der Lampe GLD01 direkt beeinflusst, die aus drei übereinander gestapelten Gefäßen besteht. In vielerlei Hinsicht wurde das Stück zu einer abstrakten Hommage an die Mutterschaft, nicht nur als biologische Rolle, sondern als eine Form spiritueller, emotionaler und gesellschaftlicher Grundlage. Was uns an Gèlèdé interessierte, war genau diese Vorstellung, dass weibliche Kraft nicht immer laut oder sichtbar ist, sondern zutiefst strukturell und schöpferisch. Diese Philosophie wurde zum Kern der Kollektion und unserer Herangehensweise an das Licht selbst: nicht als etwas unmittelbar Sichtbares, sondern als etwas, das bewahrt, geschützt und nach und nach offenbart wird.

„Materialien besitzen eine eigene Intelligenz, Techniken ein Gedächtnis.“
F: Wie hat das Element Licht euren Entwurfsprozess beeinflusst? Hat es eure Ideen erschwert oder ganz neue Möglichkeiten eröffnet? Und würdet ihr diesen Aspekt in Zukunft gerne wieder aufgreifen?
SI: Das Licht hat das Projekt völlig verändert. Es hat uns dazu gezwungen, Objekte weniger als statische Formen zu betrachten, sondern vielmehr als Atmosphäre, Zeitlichkeit und emotionales Erlebnis. Im Yoruba-Gedanken bezieht sich „Ìmólè“ auf eine Art spirituelle Ausstrahlung, die über einfache Beleuchtung hinausgeht, und wir interessierten uns dafür, wie Licht sich getragen, gefiltert, gezügelt, fast zeremoniell anfühlen könnte. Die Elemente aus geschnitztem Holz und sandgegossenem Messing wurden so gestaltet, dass sie das Licht modulieren, anstatt es direkt freizulegen. Das hat uns definitiv neue Möglichkeiten eröffnet, und wir sehen Licht als etwas, das wir weiter erforschen wollen. Nicht nur im Bereich des Collectible Designs, sondern potenziell auch in der Architektur und bei immersiven Installationen.
F: Ihr arbeitet bei euren Entwürfen mit lokalen HandwerkerInnen zusammen. Was habt ihr durch diesen Prozess über die eigene Arbeit gelernt?
SI: Die Zusammenarbeit mit HandwerkerInnen erinnert uns immer wieder daran, dass Design nicht nur konzeptionell ist, sondern auch zutiefst physisch und beziehungsorientiert. Materialien besitzen eine eigene Intelligenz, Techniken ein Gedächtnis, und die handwerkliche Fertigung bringt stets Formen der Anpassung und des Dialogs mit sich, die digital nicht vorhersehbar sind. Die Arbeit zwischen Lagos und Marrakesch zum Beispiel hat uns viel darüber gelehrt, wie verschiedene Handwerkstraditionen mit Präzision, Textur, Rhythmus und Verarbeitung umgehen. Dieser Austausch wird Teil der endgültigen Ausdrucksweise der Stücke.
F: Kann dieser behutsame, lokal ausgerichtete Ansatz beibehalten werden, während Salù Iwadi Studio international weiter wächst? Ist eine solche Expansion überhaupt euer Ziel?
SI: Ja, auf jeden Fall. Wir sind sogar davon überzeugt, dass gerade diese Verwurzelung der Arbeit ihre Stärke auf internationaler Ebene verleiht. Wachstum bedeutet für uns nicht industrielle Skalierung oder anonyme Produktion. Es geht darum, die Zusammenarbeit zu vertiefen, den Dialog auszuweiten und ambitioniertere Projekte zu schaffen, während wir die Integrität des Prozesses bewahren. Wir würden lieber langsam und sinnvoll wachsen, als die Verbindung zu Erforschung, Handwerkskunst und Materialexperimenten zu verlieren, die das Studio ausmachen.
F: Ihr lasst euch von verschiedenen Regionen Afrikas inspirieren und schöpft von dort auch euer Produktionsteam. Gibt es ein bestimmtes verbindendes Merkmal, das für afrikanisches Design und Handwerk in all diesen Regionen typisch ist?
SI: Afrika ist unglaublich vielfältig, daher hüten wir uns davor, allzu pauschale Definitionen zu treffen. Aber eine Sache, die in vielen Traditionen auftaucht, ist die Vorstellung, dass Objekte selten rein dekorativ sind. Sie erfüllen oft gleichzeitig soziale, spirituelle, performative oder symbolische Funktionen. Häufig besteht zudem eine tiefe Verbindung zur Materialtransformation, die Fähigkeit, Reichtum, Komplexität und Bedeutung durch Techniken zu schaffen, die eng mit Ort und Gemeinschaft verbunden sind.
F: Was muss geschehen, damit afrikanisches Design und afrikanisches Handwerk mehr internationale Aufmerksamkeit erhalten?
SI: Wir brauchen auf dem Kontinent selbst stärkere Infrastrukturen rund um das Design: Institutionen, Archive, Galerien, Schulen, Publikationen, SammlerInnen und Produktionsökosysteme, die es DesignerInnen ermöglichen, nachhaltig zu experimentieren und langfristige Praktiken aufzubauen. Auf internationaler Ebene muss zudem eine Abkehr von der Betrachtung afrikanischen Designs durch ethnografische oder rein handwerkliche Brillen stattfinden. Zeitgenössische afrikanische DesignerInnen bewahren nicht einfach nur das Erbe; sie prägen aktiv neue globale Designsprachen.

„Menschen werden zunehmend nach Räumen suchen, die emotional geerdet und kulturell bedeutsam wirken, anstatt nur luxuriös oder optisch optimiert zu sein.“
F: Welche Anforderungen, Philosophien und Vorlieben werden bei der Innenausstattung in Zukunft eine noch bedeutendere Rolle spielen?
SI: Menschen werden zunehmend nach Räumen suchen, die emotional geerdet und kulturell bedeutsam wirken, anstatt nur luxuriös oder optisch optimiert zu sein. Wahrscheinlich wird der Schwerpunkt stärker auf Haptik, Atmosphäre, Nachhaltigkeit, Entschleunigung und erzählerischer Tiefe liegen. Die Leute wünschen sich Räume, die menschlich wirken, vielschichtig sind und eine Verbindung zum Ort herstellen. Wir glauben auch, dass das Interesse an Collectible Design und Objekten, die Authentizität und Erinnerung vermitteln, zunehmen wird.
F: Was ist der erfüllendste Teil eurer Arbeit, und was ist die größte Herausforderung?
SI: Am erfüllendsten ist es, zu sehen, wie Ideen, die als Gespräche, Skizzen oder Recherchen begannen, langsam zu greifbarer Realität werden, die bei den Menschen emotional Anklang finden. Die größte Herausforderung ist wahrscheinlich, den Ehrgeiz mit den Realitäten der Produktion, der Logistik und dem Aufbau eines unabhängigen Studios über verschiedene Regionen hinweg in Einklang zu bringen. Die Detailgenauigkeit und Handwerkskunst, die wir anstreben, erfordern Zeit, Geduld und ständige Problemlösung.
F: Blicken wir in die Zukunft: Was für Projekte reizen euch für euren weiteren Weg?
SI: In Zukunft würden wir gerne verstärkt in die Architektur und groß angelegte Raumprojekte vorstoßen. Unser besonderes Interesse gilt der Gestaltung kultureller Räume: Museen, Galerien, Pavillons oder öffentliche Installationen, in denen Architektur zu einem Medium für das Erzählen von Geschichten, kollektives Gedächtnis und emotionale Erlebnisse werden kann. Was uns an groß angelegten Projekten begeistert, ist die Möglichkeit, immersive Umgebungen zu schaffen, in denen Licht, Material, Klang, Landschaft und Bewegung gleichzeitig miteinander interagieren können. Wir interessieren uns für Räume, die nicht nur eine Funktion erfüllen, sondern auch Atmosphäre, Symbolik und kulturelle Erzählungen vermitteln. Besonders ziehen uns Projekte an, die sich auf zeitgemäße Weise mit afrikanischer Geschichte, Ritualen, Handwerkskunst und Formen des Zusammenkommens auseinandersetzen. Letztendlich hoffen wir, Räume zu schaffen, die sich bedeutungsvoll und erlebnisreich anfühlen – Orte, an denen Menschen nicht nur mit Design, sondern auch mit Kultur, Erinnerung und einander in Verbindung treten können.
Salù Iwadi Studio
Wenn Toluwalase Rufai und Sandia Nassila eine Geschichte erzählen, wählen sie dazu keine Worte, sondern Form, Funktion und Material. Als Salù Iwadi Studio entwirft das Duo Objekte, die afrikanische Traditionen und Bräuche in einer kontemporären Designsprache wiedergeben. Für ihre Entwürfe arbeitet das Studio zwischen Lagos und Dakar mit lokalen HandwerkerInnen. So auch für das neueste Projekt, die Gèlèdé Lamp Collection. In Ouidah, Benin feierte Salù Iwadi Studio kürzlich seine erste Solo-Ausstellung.
saluiwadistudio.com
Welche schönen Stücke den Köpfen des Designstudios bereits entsprungen sind, siehst du hier.
Fotos: © Salù Iwadi Studio
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