Die Design Week ist die neue Fashion Week. Das behaupten zumindest einige Stimmen aus der Mode- und Designwelt. Wie fühlt es sich an, tagelang in Mailand am Salone del Mobile von schönem Möbelstück zu noch schönerem Möbelstück zu hasten? Schauspielerin und Creator Nike Martens war für uns vor Ort und hat ihre Eindrücke in Worte gefasst.

In einem zerknitterten Shirt sitze ich in Reihe 5C und schaue aus dem Fenster. Unter mir die Alpen, 43 Minuten entfernt Malpensa. Während sich Weiß und Schwarz leise in der Sonne bewegen, denke ich an den Tag im Juni zurück, an dem ich meine Koffer in Mailand abgestellt habe. Aus sechs Wochen wurde ein kurzentschlossener Umzug nach Italien.
Zurück zu sein ist schön und melancholisch. Ich kann gerade gar nicht sagen, was überwiegt. Vielleicht ist es der leicht gräuliche Schleier der Stadt, vielleicht die Erinnerung. Vier Tage Salone del Mobile und mein Gemüt bewegt sich zwischen Müdigkeit, Vorfreude und Nostalgie.
Von Casa Armani bis Jil Sander
Mein erster Abend führt mich in die Casa Armani. Warme Lichtimpulse fallen auf dunklen Grund, ein Hauch Art déco, ein wenig Modern Noir. Kristallteller reihen sich an Gläser für den perfekten Negroni und bei der Chromlampe frage ich mich, ob sie 55 × 40 × 23 cm entspricht und ich sie im Handgepäck mitnehmen könnte.




Einen exzellenten Miso-glazed Cod später mache ich mich auf den Weg zurück ins Hotel und entscheide mich zu laufen. Die Luft ist vertraut und die Straßen sind noch immer so verschachtelt, dass ich mich gerne verlaufe, um am Ende doch anzukommen. In diesem Fall bei meinem Bett.
Aufgeregt wie ein Kind wache ich am nächsten Morgen auf. Jil Sanders Reference Library zeigt eine Kuration aus 60 Büchern, ausgewählt von Kreativen aus Film, Literatur, Design und Kunst. Ich verliere mich zwischen Neuentdeckungen und Klassikern.




Um dem Chaos der Taxis zu entkommen, gehe ich wieder zu Fuß. In definitiv falschem Schuhwerk. Für das Beschweren bleibt keine Zeit und es ist sowieso alles zu schön, um sich zu beklagen.
Ich stehe in einem Hinterhof, einem dieser versteckten Orte, durch die sich die Tiefe und die vielen Geschichten der Stadt erzählen. Natalia Criado und Laboratorio Paravicini laden zum Lunch. Metalllöffel in geschwungenen Formen liegen neben handbemalten Keramiken.


Kloster und Karaffen
Salone, Tag 2. Ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit. Die Mittagssonne gibt einen Vorgeschmack auf den Sommer, in einer schattigen Ecke suche ich durch meinen Kalender. Ich höre meinen Namen aus einer anderen Richtung. Ein kurzes Hallo und ich erinnere mich, warum ich Mailand und seinen fast dörflichen Charakter so mag.
Mit ruhigen Linien entlang weißer, rechteckiger Holzinstallationen empfängt Hermès im La Pelota. Neben tiefem Ocker, kräftigem Pink, Rot und Bordeaux wirkt die Kollektion in diesem Jahr klarer und reduzierter. Im Mittelpunkt steht Palladium. Die Karaffe daraus hätte ich gern in meiner Küche und die in Ocker von Hand gefärbte Decke mit den bunten Fransen auf meiner Couch.


Untermalt von klassischer Musik finde ich mich in Guccis Memoria in einer Blumenwiese aus Violett, Weiß, Magenta und rosafarbenen Cosmosen wieder, wenn ich auf meine Pflanzenkunde vertrauen darf. Ich stehe im Cristo di San Simpliciano, einem Kloster aus dem 16. Jahrhundert. Entlang von Gemälden auf Wandteppichen tauche ich in 105 Jahre Geschichte des Hauses ein. Meine Gedanken wandern zurück zu jenem Sommer, als ich das erste Mal durch die Kreuzgänge gelaufen bin.


Eindrücke verarbeiten
Nach einem langen Dinner, das jede Müdigkeit wert ist, beginnt mein letzter Tag. Nach Galeriebesuchen am Morgen sitze ich im Garten der Villa Necchi. Auf orange gesäumten Kissen, mit Blick auf das Blau des Pools, lasse ich die Tage Revue passieren. Ich konnte vieles schreiben. Für den Moment genieße ich den Nachklang.


Das Licht steht tief. Neben mir ein Paar, das sich gegenseitig fotografiert, dahinter eine Reihe silberner, weißer und schwarzer Vespas. Ich bleibe stehen und beobachte, wie sich die Sonne auf dem Metall bewegt und wie die Schatten meiner Füße über den Boden wandern. Ich gehe weiter, in Richtung Sonne.
Hier siehst du, was Nike Martens so macht, wenn sie nicht gerade am Salone ihre Design-Wunschliste verlängert.
Fotos: © Nike Martens
Unsere Salone-Lieblinge vom letzten Jahr findest du hier.






