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Home CULTURE

Künstlerin Santa Gaïa Pilens im Interview 

by Lisa Hollogschwandtner
07.09.2026
in CULTURE
Künstlerin Santa Gaïa Pilens im Interview 

Santa Gaïa Pilens Atelier ist das perfekte räumliche Sinnbild für ihr Leben: Kunst, Familie und Alltag existieren hier nicht parallel, sie verschmelzen. Im Durchgangszimmer zwischen Ess- und Wohnbereich im Altbau im dritten Wiener Gemeindebezirk entstehen ihre großformatigen „Textile Murals“, die von Dualität, kollektivem Gedächtnis und prähistorischer Kraft erzählen. Herzstück dieses Raumes ist ein langer Tisch, eine Art kreativer Altar, auf dem Skizzen, Stoffproben und Erinnerungen in einer fast sakralen Weise kuratiert werden. Ein Gespräch über die Schönheit des Fehlers, radikales Vertrauen und die Kunst, das Leben stets von seiner hellsten Seite zu betrachten.

FACES: Santa, eine vielleicht ungewöhnliche Frage zu Beginn: Wenn dein Leben im Moment eine Farbe hätte, welche wäre das?
Santa Gaia Pilens: Es gibt eine Farbe in meinem Leben, die mich schon sehr lange begleitet: Dottergelb. Auch wenn man meine Kinder fragen würde, würden sie sofort dieselbe Antwort geben. Es ist fast ein bisschen paradox, denn weder in meiner Wohnung noch in meiner Garderobe findet sich diese Nuance gehäuft – aber emotional zieht sie mich sehr stark an. Dottergelb ist so unglaublich tief, sättigend und durch und durch positiv. Meine ersten beiden Arbeiten als Künstlerin waren zwei riesige gelbe Leinwände – pure Monochromie. Es ist eine Farbe, die man in Europa selten in dieser Intensität sieht; in Indien beispielsweise ist Saffran-Gelb omnipräsent. Für mich ist es pure Inspiration.

F: Du bist in einem Künstleratelier in Lettland aufgewachsen. Wie sehr hat deine Kindheit deinen heutigen Blick auf Kunst geprägt?
SGP: Sehr stark. Das ganze Haus war gefüllt mit Ölgemälden, Holzskulpturen, Tonfiguren, Stoffdesigns und internationalen Kunstbüchern. Am Wochenende war unser Haus voller kreativer Menschen. Von Kunst und Kreativität umgeben zu sein, war also meine Normalität. Diese Referenzen habe ich bestimmt bis heute tief in meinem Unterbewusstsein gespeichert – meine Aufgabe lag dann darin, mit diesen Werkzeugen zu spielen.

F: War Kreativität also schon immer ein Teil von dir?
SGP: Für mich ist Kreativität wie eine Sprache, die wir intuitiv sprechen – bevor wir sie verlernen. Ich habe als Kind viel gezeichnet – aber nie das, was andere Kinder zeichneten. Keine klassischen Motive wie Menschen oder Tiere, sondern abstrakte Formen, seltsame Strukturen, deren Ursprung ich selbst nicht erklären konnte. Rückblickend erkenne ich Parallelen zu Dalí oder Miró – aber damals kannte ich diese Werke nicht. Die Ideen waren einfach da, alles war intuitiv, ungefiltert. Der Bruch kam in der Schule. Ich zeichnete wieder etwas, das nicht der Norm entsprach, und bekam eine schlechte Note. Das ist das Tragische an unserem System: Es zwingt dich in eine Schublade – und brachte mich dazu, an mir selbst zu zweifeln. Also hörte ich auf zu zeichnen.

„Ich glaube an die Kraft von Plan A – daran, sich einer Vision kompromisslos hinzugeben, ohne sich mit einem Plan B abzusichern.“

Ein freier Umgang mit Proportionen zieht sich durch die Arbeit der Wahlwienerin.

F: Wie hast du deinen Weg zurück zu dir und zu deiner eigenen, unverkennbaren Handschrift gefunden?
SGP: Der Weg war kein direkter. Ich habe mich der Mode zugewandt, um zu verstehen, wie Kleidung konstruiert wird, habe als Stylistin und Set-Designerin gearbeitet. Ich dachte immer, ich könnte nicht richtig zeichnen, also nutzte ich Stoffe als mein Medium. Irgendwann, mit Ende zwanzig, nahm ich aus einer Notwendigkeit heraus wieder einen Stift in die Hand und war selbst überrascht: Die Fähigkeit war da – nur eben nicht im traditionellen Sinn. Ich verstehe bis heute nichts von klassischen Proportionen, ich habe meine eigene Praxis entwickelt. Einer der renommiertesten Professoren der Kunstakademie in Lettland sah meine Arbeiten und riet mir sogar davon ab, bei ihm zu studieren – um meine eigene Handschrift nicht zu verlieren. Also blieb ich Autodidaktin.

F: Heute lebst du deine Kunst ohne Kompromisse. Es wirkt, als hättest du die Zweifel der Vergangenheit gänzlich abgelegt…
SGP: Ich bin tatsächlich ein sehr angstfreier Mensch, was meine beruflichen Entscheidungen betrifft. Ich glaube an die Kraft von Plan A – daran, sich einer Vision kompromisslos hinzugeben, ohne sich mit einem Plan B abzusichern. Für mich beginnt Kreativität genau dort, wo die Kontrolle endet: in einem Prozess, dessen Ausgang im Ungewissen liegt.

F: Deine großformatigen Textile Murals, in denen du rohes Leinen und Schellack verarbeitest, sind dein Markenzeichen geworden. Wie ist diese Technik, die du selbst als Contemporary Mummies beschreibst, entstanden?
SGP: Durch einen Fehler. Ich war auf der Suche nach einer Sprache, die wirklich meine eigene ist. Eines Tages verlief mir Farbe auf einem Stück unbehandeltem Leinen. Ich sah darin sofort etwas Echtes, etwas mit Charakter. Ich begann, diesen „Fehler» mit Schellack zu fixieren und zu formen. Das Ergebnis erinnert mich an prähistorische Kunst oder Höhlenmalerei – an diesen reinen, intuitiven Drang nach Selbstausdruck, unvorhersehbar und frei von Erwartungen.

F: Wann weißt du, dass ein Werk fertig ist?
SGP: Das ist weniger ein Wissen als ein sehr klares Gefühl. Wenn ein Werk mich nichts spüren lässt, hat es für mich keine Daseinsberechtigung – dann zerstöre ich es sogar. Ich behalte nur, woran ich wirklich glaube. Wenn Menschen in mein Atelier kommen und sofort nach der Bedeutung einer einzelnen Arbeit fragen, antworte ich oft mit einer Gegenfrage: Berührt es dich? Für mich ist es wie Liebe auf den ersten Blick – zuerst braucht es diese unmittelbare, intuitive Verbindung. Wenn ein Werk deine Seele erreicht, kann die Geschichte dahinter folgen.

F: Basis dieses intuitiven Prozesses ist für dich immer eine tiefe Recherche. Wie finden diese beiden Pole zusammen?
SGP: Zu jeder meiner Serien existieren Ordner voller Moodboards, Notizen und haptischer Fragmente, in denen ich Ideen oft über Jahre hinweg kuratiere. Diese Tiefe ist für mich essenziell, denn rein dekorative Kunst ist für mich leer – sie hat keine Seele. Ich arbeite in meiner Praxis stark mit Symbolen. Mich interessiert, was unter der Oberfläche liegt. Genau daraus entsteht eine Verbundenheit, die man eher spürt als versteht. Vieles, was dabei auftaucht, fühlt sich vertraut an, als würde es aus einem kollektiven Gedächtnis kommen. Die Recherche ist das Fundament meiner Arbeit – ein Prozess des Sammelns, Prüfens, Verdichtens. Im Schaffen selbst versuche ich, die Kontrolle loszulassen. Dort übernimmt die Intuition, und beide Ebenen finden ganz organisch zusammen.

„Für mich beginnt Kreativität genau dort, wo die Kontrolle endet.“

Kunst und Mode sind für die Kreative Spielfeld und Ausdrucksmittel.

F: Du arbeitest derzeit an einer großen Kooperation für 2026, die dich mit indischen KunsthandwerkerInnen zusammenbringt. Wie kam es zu dieser Serie?
SGP: Das ist ein Projekt, das mich zutiefst erfüllt. Über eine Galerie aus Mumbai – Aequo, mit einer zweiten Base in Paris, ist eine Zusammenarbeit entstanden, bei der meine Arbeiten nach Indien geschickt und dort von lokalen Handwerkerinnen mit traditionellen Techniken bestickt werden. In unserer westlichen Kultur ist diese handwerkliche Präzision der Stickerei fast verloren gegangen. Es ist wunderbar zu sehen, wie meine Kunst durch die Hände dieser MeisterInnen um eine zusätzliche Dimension erweitert wird. Dieses Projekt zeigt mir, wie sehr ich es genieße, Teil eines Teams zu sein. Dieser globale, kreative Dialog zwischen Kulturen ist unfassbar inspirierend.

F: Wenn du ein Wort wählen müsstest, um dein Jahr 2026 zu beschreiben – welches wäre es?
SGP: Survival. (lacht) Aber in einem sehr positiven Sinn. Die Welt ist gerade unglaublich schnell, vieles verändert sich permanent, kaum etwas ist wirklich vorhersehbar. Und auch in meinem eigenen Leben ist viel in Bewegung. Ich habe gelernt, dass ich nicht alles kontrollieren muss, um mich sicher zu fühlen. 2026 steht noch ein großer Schritt bevor: Wir ziehen als Familie und mit meinem gesamten Atelier nach Venedig. Das ist eine enorme Veränderung, die sich dennoch sehr richtig anfühlt. Venedig hat für mich etwas fast Unwirkliches – eine Stadt, die gleichzeitig historisch aufgeladen und extrem lebendig ist. Ein Ort, an dem Kunst nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet, sondern sichtbar im Alltag existiert.

F: Angenommen wir sprechen in einem halben Jahr wieder – in einem Moment, in dem sich alles richtig anfühlt: Wie sieht er aus?
SGP: Ich sitze an einem langen Tisch in Venedig. Menschen um mich herum, die mich inspirieren, mit denen sich alles ganz selbstverständlich verbindet: Gespräche, Arbeit, Essen, Denken. Nichts ist getrennt, alles fließt ineinander. Das ist, was für mich ein perfektes Leben ausmacht – kein Plan oder kein festes Bild, sondern dieses einfache, ehrliche Zusammensein. Umgeben von Menschen, die man liebt, die einen inspirieren und die man selbst inspirieren darf. Offene Türen im Miteinander und im Denken.

SANTA GAÏA PILENS
Santa Gaia Pilens Arbeit basiert auf über zwanzig Jahren Erfahrung in verschiedenen kreativen Bereichen, insbesondere in Szenografie und dokumentarischer Fotografie. Im Zentrum ihres Schaffens stehen textile Wandarbeiten aus Schellack und rohem Leinen. Prägend ist dabei die Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe sowie kollektiven unbewussten Erinnerungen.
atelierofgaia.com

Hier siehst du, was Santa Gaïa alles kreiert.

Fotos: © Santa Gaïa Pilens

Auch mit Künstlerin Dënalisa Shijaku haben wir über alles Kreative geplaudert.

Tags: Santa Gaïa Pilens
Lisa Hollogschwandtner

Lisa Hollogschwandtner

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