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Mezzosopranistin Lea Desandre im Interview

by Lisa Hollogschwandtner
07.09.2026
in CULTURE
Mezzosopranistin Lea Desandre im Interview

Lea Desandre singt barfuß. Nicht als Inszenierung, sondern aus Überzeugung. Es ist ein Bild, das die französisch-italienische Mezzosopranistin treffend beschreibt: Trotz internationaler Karriere bleibt sie bemerkenswert geerdet, erzählt lieber von Vertrauen als von Erfolg und sucht selbst auf den größten Bühnen vor allem eines – echte Verbindung. Mit ihrem Vivaldi-Programm „Anima», zu Deutsch Seele beziehungsweise Lebenskraft, begeisterte sie bei den Salzburger Festspielen. Als Friend of Cartier spricht sie über Vertrauen als Quelle künstlerischer Freiheit, die Disziplin hinter scheinbarer Leichtigkeit und darüber, warum wahre Verbindung oft in den leisesten Momenten entsteht.

FACES: Lea, wenn dein Leben im Moment ein Musikstück wäre – welches Genre hätte es und warum?
Lea Desandre: Diese Frage lässt mich tatsächlich gar nicht direkt an ein Musikstück denken, sondern an einen Klang. Ich lebe aktuell in Salzburg, direkt am Almkanal – einem kleinen Wasserlauf, der aus den Bergen kommt. Gleich neben meiner Wohnung befindet sich ein Wasserfall. Der Rhythmus des Wassers begleitet mich den ganzen Tag über. Er ist im Moment die Musik meines Alltags.

F: Deine Stimme hat dich auf einige der renommiertesten Bühnen der Welt geführt. Wenn du zurückblickst: Welche Begegnungen oder Momente haben die Künstlerin geprägt, die du heute bist?
LD: Ich glaube, es waren weniger einzelne Momente als vielmehr die Menschen, denen ich begegnet bin und vor allem das Vertrauen, das sie mir geschenkt haben. Dieses Vertrauen hat mir die Freiheit gegeben, meinen eigenen Weg zu finden. Schon früh gab es WegbegleiterInnen, die an mich geglaubt und mir Möglichkeiten eröffnet haben. Wenn man ständig darum kämpfen muss, zu zeigen, wer man ist, entsteht eine gewisse Distanz zu sich selbst. Aber wenn Personen, die man bewundert, einem das Gefühl geben: „Du bist genau richtig, wie du bist», entsteht Raum, in dem etwas Echtes wachsen darf.

F: Gab es einen Moment, in dem du gespürt hast: Musik wird nicht nur ein Teil meines Lebens sein, sondern sein Mittelpunkt?
LD: Eigentlich nicht, denn Musik war schon immer da. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Kunst ganz selbstverständlich zum Alltag gehörte: Kino, Theater, Tanz, Gesang – durch meinen Großvater sogar der Zirkus. Musik war also schon immer Teil meiner Identität. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, ohne Musik zu leben.

F: Vor deiner Gesangsausbildung hast du eine professionelle Ballettausbildung absolviert. Was hat dir das Tanzen beigebracht, das dich bis heute begleitet – auf der Bühne und im Leben?
LD: Tanz, besonders Ballett, ist eine außergewöhnliche Lebensschule. Es lehrt Disziplin, Präzision und Ausdauer. Vor allem aber vermittelt es das Gefühl, über sich selbst hinauszuwachsen. Im Kontext der Bühne hat mir das Ballett ein besonderes Bewusstsein für Raum gegeben: Wie bewege ich mich? Wie erzähle ich ganze Geschichten mit den kleinsten Gesten? Und auch die Arbeitsweise im Tanz hat mich geprägt: Heute arbeite ich häufig mit Tänzerinnen in Opernproduktionen zusammen, und ich finde es faszinierend, wie unterschiedlich unsere Disziplinen funktionieren. Sängerinnen proben eine Szene vielleicht einige Male – auch, weil die Stimme ein sehr sensibles Instrument ist. Tänzerinnen hingegen wiederholen dieselbe Bewegung immer wieder, bis sie vollkommen selbstverständlich wird. Meine Ausbildung hat mir damit auch Stärke gegeben: die Bereitschaft, zu wiederholen, zu trainieren und dadurch letztlich frei zu werden.

„Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Kunst ganz selbstverständlich zum Alltag gehörte.“

Für Lea Desandre, Friend of Cartier, ist Freundschaft eine der zahlreichen Facetten von Liebe. Die Cartier Love Collection steht als Symbol für ewige Verbundenheit.

F: Gesang verbindet Emotion und Technik auf eine ganz besondere Weise. Einerseits braucht es absolute Kontrolle und Disziplin, andererseits Verletzlichkeit und Spontaneität. Wie gelingt es dir, diese beiden Pole zu verbinden?
LD: Ich denke dabei oft an den Begriff Sprezzatura aus Baldassare Castigliones „Der Hofmann». Er beschreibt jenen Moment, in dem etwas durch maximale Übung und Hingabe vollkommen natürlich wirkt – als wäre es nie erlernt worden. Der Probenprozess ist dabei entscheidend. Durch die Wiederholung begegnet man emotionalen und technischen Herausforderungen. Man entdeckt, was möglich ist, wo die eigenen Grenzen liegen und welche Risiken auf der Bühne entstehen können. Irgendwann entsteht daraus Sicherheit. Und genau diese Sicherheit schafft Freiheit.

F: Wie ändert sich eine Performance je nachdem, ob du vor einem riesigen Publikum stehst oder in einem sehr intimen Rahmen auftrittst?
LD: Die Vorbereitung bleibt dieselbe, aber der Moment ist grundverschieden. Für mich gibt es drei Arten von Räumen: den sehr intimen Rahmen mit wenigen Menschen, eine große Bühne mit mehreren Tausend ZuhörerInnen und schließlich Auftritte vor mehr als 10’000 Menschen. Interessanterweise ist die kleinste Bühne oft die herausforderndste. Dort sieht man die Menschen direkt. Man begegnet ihren Blicken, ihren Reaktionen. Diese unmittelbare Verbindung kann sehr berührend sein – aber auch verunsichern. Bei einem sehr großen Publikum passiert etwas anderes: Die Menge wird für den Kopf irgendwann zu groß und verschmilzt zu einer einzigen Präsenz. Man nimmt weniger einzelne Menschen wahr, sondern eine gemeinsame Energie.

F: Gerade in einer Zeit, in der vieles auf Reichweite, Sichtbarkeit und große Zahlen ausgerichtet ist, erinnert deine Antwort daran, dass echte Verbindung oft in den kleineren, persönlicheren Momenten entsteht.
LD: Ja, genau. Diese unmittelbare menschliche Verbindung ist etwas sehr Besonderes.

F: Abseits der Bühne, der Reisen und der großen Momente: Wo findest du jene Ruhe und Inspiration, aus der neue Kreativität entstehen kann?
LD: Interessanterweise ist es fast das Gegenteil von dem, was mein Künstlerinnenleben ausmacht. Was mich im Alltag am meisten inspiriert, sind die kleinen Dinge, die für mich eigentlich die größten sind: Zeit in der Natur zu verbringen, zu lesen, zu kochen oder spazieren zu gehen, ein langsames Leben zu leben. Ich brauche diese ruhigen Momente, in denen es nicht darum geht, wie viel Zeit ich habe, sondern welche Qualität die Zeit besitzt.

F: Nach der Intensität einer großen Aufführung – nach tausenden Blicken und der enormen Energie eines Publikums, entsteht vermutlich ein besonderer Kontrast zur Stille danach…
LD: Ja, und manchmal ist es gar nicht so einfach, wieder in der Stille anzukommen. Nach einem Auftritt ist der Körper voller Energie. Es ist ein intensiver Zustand, in dem man fast bleiben möchte. Aber ich glaube nicht, dass es gesund wäre, dauerhaft darin zu leben. Ich verstehe mich als Künstlerin auch als Vermittlerin zwischen der Komponistin oder dem Komponisten und dem Publikum. Mein Kopf muss klar bleiben, damit mein Herz offen sein kann. Deshalb ist es mir wichtig, den Bezug zu dem, was Menschen im Alltag bewegt, nie zu verlieren. Die Verbindung zu den einfachen, schönen Dingen erinnert mich immer wieder daran, was Menschsein eigentlich bedeutet.

„Was mich im Alltag am meisten inspiriert, sind die kleinen Dinge, die für mich eigentlich die größten sind.“

F: Als Friend of Cartier bist du Teil einer Gemeinschaft von Künstlerinnen mit ganz eigenen Perspektiven. Was bedeutet diese Verbindung für dich?
LD: Sie eröffnet mir neue Welten. Ich treffe Kreative aus unterschiedlichen Kulturen, mit ihrem ganz eigenen künstlerischen Background und individuellen Geschichten. Das erweitert meinen Blick – und inspiriert mich sehr. Was uns verbindet, ist der Wunsch, Schönheit zu teilen und über uns selbst hinauszuwachsen. Jedes Mal, wenn ich diese Menschen treffe, nehme ich etwas mit, das wiederum meine eigene Arbeit bereichert.

F: Der Begriff Friend of Cartier erzählt auch von einem anderen Wert: Freundschaft. In einem Leben, das von Bühnen und wechselnden Begegnungen geprägt ist – welche Bedeutung hat Freundschaft für dich? Und gibt es eine Cartier-Kreation, die dieses Gefühl von Verbindung für dich verkörpert?
LD: Freundschaft bedeutet für mich Liebe – und Liebe ist wohl das Wichtigste im Leben. Ich glaube, vieles wird leichter, wenn wir den Dingen mit Liebe begegnen. Freundschaft erinnert uns daran, dass wir nicht nur für uns selbst leben. Sie schenkt Perspektive, Austausch und das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein. Wenn ich an Cartier denke, fällt mir sofort das Écharpe-Collier ein, das ich vor zwei Jahren in Venedig tragen durfte. Es wurde einst für die Schauspielerin Simone Signoret entworfen, die es zu ihrer Hochzeit trug. Mich berührt der Gedanke, ein Objekt zu tragen, das bereits Teil eines so persönlichen Moments war. Ein solches Stück bewahrt Erinnerungen und schreibt sie zugleich fort.

F: Besondere Objekte können Energie bewahren. Ein Schmuckstück trägt also vielleicht noch etwas von dem Moment in sich, für den es geschaffen wurde.
LD: Absolut. Genau darin liegt für mich etwas sehr Verbindendes: Ein Objekt kann eine Geschichte aus der Vergangenheit bewahren und gleichzeitig Teil einer neuen werden. Vielleicht ist es diese Verbindung, die mich an Cartier so berührt. Es geht nicht nur um äußere Schönheit, sondern um die Emotionen, Erinnerungen und Menschen, die mit einem Stück verbunden sind. Auch das erinnert mich an Musik: Ein Werk entsteht aus einer bestimmten Inspiration heraus, aber jedes Mal, wenn es aufgeführt wird, entsteht etwas Neues. Es lebt durch die Verbindung zu anderen Menschen – durch die Emotionen, die es auslöst, und die Geschichten, die daraus entstehen.

LEA DESANDRE
Die französisch-italienische Mezzosopranistin Lea Desandre zählt zu den spannendsten Stimmen ihrer Generation. Mit ihrer intensiven Bühnenpräsenz und einem modernen Zugang zur klassischen Musik zeigt sie, wie unmittelbar und lebendig Oper und Barockgesang heute sein können.
leadesandre.com 

Fotos: © Cartier

Die „En Équilibre“-Kollektion von Cartier haben wir in Szene gesetzt.

Tags: CatrierLea Desandremezzosopran
Lisa Hollogschwandtner

Lisa Hollogschwandtner

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