Sein Erfolg ist der eines ganzen Kontinents. Mit Sänger Davido begann der internationale Aufstieg des Afrobeats. Seine Tour durch Europa führt durch ausverkaufte Hallen, im Sommer veranstaltet er ein eigenes Festival in London. Doch wer glaubt, dem Sohn eines nigerianischen Millionärs wurde alles in die Wiege gelegt, irrt. Zumindest ein bisschen. Wir haben uns mit Davido vor seinem Gig in Zürich unterhalten.


Davido hat es eilig. Bis zu seinem Konzert in Zürich sind es noch knapp drei Stunden. Doch auch mitten in einer dicht gestaffelten Europatournee trifft der Songtitel von einem seiner größten Hits nicht auf den Sänger zu: „Unavailable“ ist Davido zum Interview auch dann nicht, wenn auf der Bühne bereits die Lichtshow geprobt wird. Bleibt da überhaupt noch Zeit für irgendwelche Aufwärm-Rituale vor den Auftritten? „Eine Massage, um zu entspannen. Außerdem war ich in letzter Zeit viel im Fitnessstudio. Jeden Morgen gehe ich trainieren, eine Stunde aufs Laufband, um die Ausdauer zu verbessern – schließlich stehe ich oft etwa zwei Stunden auf der Bühne.“ Und diese steht an jedem Abend in einer anderen Stadt: Wien, Rotterdam, Brüssel, Stockholm, Kopenhagen, Barcelona. „Normalerweise sind wir mit dem Jet unterwegs. Aber auf dieser Tour, weil die Städte in Europa so nah beieinander liegen, haben wir uns entschieden, mit dem Bus zu reisen. Außerdem wollten wir einfach mehr echtes Tour-Feeling erleben.“ Was nicht heißt, dass Davido und seine Crew in einem VW-Van von Halle zu Halle brummen. Alleine die Ledercouch im Tourbus des Weltstars ist groß genug, um darauf ein ganzes Orchester abzusetzen. Davido hat es eilig. Und ganz schön komfortabel. Vor allem aber: Davido hat es sich verdient.
Atlanta, Lagos, Rest der Welt
In der vergangenen Dekade ist der 33-Jährige zu einem der international erfolgreichsten Künstler Afrikas aufgestiegen. Mit ihm hat auch der kulturelle Einfluss des Kontinents einen weltweiten Siegeszug begonnen. „Die afrikanische Kultur boomt gerade total. Nicht nur die Musik, sondern auch Mode und Essen. In New York ist aktuell eines der größten Restaurants am Times Square ein afrikanisches Etablissement – es heißt Lagos. Auch in der Schweiz war ich in einem afrikanischen Lokal. Es war gut besucht, das Geschäft läuft also. Insgesamt wächst die Kultur gerade enorm.“ Davido hat recht. In der Mode sorgt das nigerianische Label Orange Culture von Creative Director Adebayo Okelawal für Aufsehen an den Fashion Weeks von Berlin, New York und London. Die Gemälde von Njideka Akunyili Crosby werden in Los Angeles für Millionen von Dollar versteigert. Und dann ist da der Afrobeat. Jenes Musikgenre, das unter anderem von Davido über Nigerias Grenzen hinaus getragen wurde und dort längst nicht mehr nur die Diaspora zum Feiern bringt. Woher kommt dieser Erfolg? „Es liegt an der Natürlichkeit. Die Menschen lieben, wie authentisch afrikanische Musik ist. Und durch das Internet ist es heute viel einfacher geworden, diese Musik weltweit zu verbreiten.“
„Nigeria ist ein Ort, an dem man lernt zu überleben. Wenn du dort klarkommst, kommst du überall klar.“
Ihren Anfang nahm Davidos Erfolgsgeschichte aber woanders. Geboren wurde er im amerikanischen Atlanta, bevor es in die Heimat seiner Eltern ging. Davidos Vater, Adedeji Adeleke, zählt zu den reichsten Männern Nigerias. Sein Geld hat er vorwiegend mit dem Unterhalt von Elektrizitätswerken gemacht. Als Kind wuchs Davido in komfortablen Verhältnissen auf. Von den musikalischen Ambitionen seines Sohnes hielt der Magnat aber zunächst wenig. Stattdessen beharrte er auf einen Universitätsabschluss seines Sprösslings. „Mir war klar, dass es viel Mühe und Hingabe brauchen würde – besonders, weil ich meinen Hintergrund hatte. Ich wusste, dass ich noch härter arbeiten muss, um mich zu beweisen“, blickt Davido zurück. Mit dem Song „Dami Duro“ gelang ihm 2012 sein erster Hit. Heute gilt dieser als Klassiker des Afrobeat-Genres und war ein Startschuss für Davido, den Spagat zwischen zwei Kontinenten auch musikalisch zu vollziehen. Fortan verband er die Energie und Lebensfreude afrikanischer Musik mit den Popsensibilitäten und namhaften Kollaborationen (Meek Mill, Becky G, Young Thug, Nas), die Davidos Lieder erst in die amerikanischen und schließlich weltweiten Charts hievten. Dabei halfen ihm auch die Verbindungen zur Rap- und R&B-Szene seines Geburtsorts Atlanta. Bis heute pendelt der Sänger zwischen der amerikanischen Metropole und Nigerias größter Stadt Lagos: „Lagos ist ziemlich wild, ich kann mich dort nicht so frei bewegen. Atlanta dagegen ist ruhiger, dort kann ich mit meiner Frau und meiner Familie entspannen. Lagos ist hektischer, aber ich besuche es regelmäßig. Und wenn mein Haus fertig gebaut ist, werde ich noch mehr Zeit dort verbringen.“


Alle guten Dinge sind 5ünf
Das vergangene Jahrzehnt hat gezeigt: Pop geht global. Auf Pausenhöfen von Boston bis Bassersdorf üben Fans die K-Pop-Tanzmoves ihrer Idole ein. Mit Latin Trap und Reggaeton ist der Puerto Ricaner Bad Bunny zum größten männlichen Popstar der Gegenwart geworden. Und durch Künstler wie Davido, Wizkid und Burna Boy genießt nun auch Afrikas Musikszene internationale Strahlkraft. War es von Nachteil, dass Davido und seine Kollegen diese internationale Brücke erst bauen mussten, statt einfach darüber zu spazieren? Im Gegenteil: „Nigeria ist ein Ort, an dem man lernt zu überleben. Wenn du dort klarkommst, kommst du überall klar. Es hat mir eine starke Grundlage gegeben. Man muss dort clever sein und entwickelt automatisch eine gewisse Hustle-Mentalität – also den Antrieb, sich durchzusetzen und hart zu schuften.“ Das jüngste Ergebnis dieses Hustles ist „5ive“ – Davidos, fünftes Album. Den Vorgänger „Timeless“ (2023) lobten KritikerInnen und Fans als sein bis dato reifstes Werk. Doch Reife entsteht nur, wenn man Widerständen trotzt. Als Davido mitten in der Produktion von „Timeless“ steckte, starb sein ältester Sohn David Jr. im Alter von drei Jahren bei einem tragischen Unfall im Swimming Pool. Der Künstler sang sich durch die Trauer und verlieh den auf der Oberfläche fröhlich klingenden Songs eine tiefere Dimension. Mit „5ive“ folgte zwei Jahre später der Befreiungsschlag. Schmerz hat sich in Stärke verwandelt. Die besungene Freude am Leben ist durch die vergangenen Ereignisse noch wertvoller geworden.
Am Abend singt Davido in Zürich über die Köpfe der vollgepackten Halle. Die verschwitzte Haut des Publikums glänzt vom Tanzen – aber auch von den Tränen, die es dabei von den Wangen wischt. „Unterschätze niemals andere Menschen. Man weiß nie, was jemand durchmacht. Bleib bescheiden und gib etwas zurück, wenn du kannst“, sagt uns der Sänger am Ende des Gesprächs. In wenigen Stunden sitzt er bereits wieder im Tourbus. Danach ab aufs Laufband. Danach ab auf die nächste Bühne. Der Mann hat es eilig. Doch ist er einmal am Ziel angekommen, sind wir alle zur Party eingeladen.

Davido
Afrobeats sind sein Business. And business is boomin’. Mit über 31 Millionen Followern auf Instagram, mehreren Grammy-Nominationen und ausverkauften Konzerten wie in der Londoner O2 Arena zählt Davido zu den global erfolgreichsten KünstlerInnen Afrikas. Für die Diaspora ist seine Musik wie ein Anruf aus der Heimat, für alle anderen eine warmherzige Einladung in die Dancehalls von Lagos. Derzeit tourt der in den USA geborene Nigerianer mit seinem neuesten Album „5ive“ und spielt im Sommer im englischen Crystal Palace Bowl das Davido & Friends Festival.
iamdavido.com
Was bei Davido so los ist, verfolgst du am besten auf seinem Instagram.
Fotos: © Vamp UK
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