Das Aman Venice ist nah am Wasser gebaut. Doch wer hier eincheckt, hat höchstens Grund zu Freudentränen. Das Luxushotel im geschichtsträchtigen Palazzo Papadopoli ist die erste Adresse für einen stilvollen Besuch in Venedig – und der letzte Schrei während der Biennale di Venezia. Denn dort, wo einst italienische Meister ihr Können verewigten, präsentieren bis November zwei kontemporäre Künstlerinnen exklusive Installationen. Warum wir dabei auch noch auf den Untergang der Titanic und Englands wortgewandtesten Gigolo zusprechen kommen? Hat schon seinen guten Grund.

Eigentlich ist es nur eine siebenstündige Autofahrt. Und doch liegen zwischen Lengnau und Venedig Welten. Im Norden das bodenständige Schweizer Bauerndorf, wo nur knapp mehr Menschen als Stallvieh leben. Im Süden die schwimmende Lagunenstadt, von wo Europa einst auszog, um die Welt im Krieg und im Handel zu erobern. Und doch näht ein Name diese beiden ungleichen Ortschaften in ihrer Geschichte untrennbar zusammen: Guggenheim. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften sich jüdische Familien in der Schweiz nur in zwei Dörfern niederlassen – eines davon war Lengnau im Kanton Aargau, wo das Geschlecht ursprünglich herstammt. Auch Simon Guggenheim lebte hier, als er seine erste Ehefrau zu Grabe tragen musste. Der Schneider hatte zuvor seinen Beruf aufgegeben, um sich um die sterbende Gattin zu kümmern. Nun war er mittellos – aber auch frisch verliebt. Doch die Behörden verweigerten dem Paar die Heirat. Simon und die Witwe Rachel Weil brachten gemeinsam zehn Kinder in die neue Familie. Für die Beamten zu viele Mäuler, die sich mit leeren Taschen hätten stopfen müssen. Also entschlossen sich Guggenheim und Weil im Jahr 1847, mit ihrem Nachwuchs in die USA auszuwandern. Dort lockten mildere Gesetze und hoffentlich neue finanzielle Möglichkeiten. Fortan würde sich die schillernde Geschichte der Guggenheims auf zwei Kontinenten abspielen.

Graf Next Door
Als Moses Michelangelo Guggenheim den Palazzo Papadopoli betrat, war er bereit für sein Meisterwerk. Auch seine Eltern hatten anfangs des 19. Jahrhunderts der nördlichen Heimat den Rücken gekehrt und ließen sich in Venedigs jüdischem Ghetto nieder. Nachdem die Napoleonischen Kriege den französischen Code civil auch in Italien etabliert hatten, wonach allen BürgerInnen unabhängig von Religion und Klasse die gleichen Rechte zustanden, gelang den venezianischen Guggenheims ein sagenhafter Aufstieg. Michelangelo übernahm den blühenden Kunsthandel seines Vaters und stellte in der Werkstatt prächtige Möbel her, die bald zum Statussymbol in Adelshäusern aus ganz Europa wurden. Als die griechische Familie Papadopoli den Auftrag vergab, ihren neu erworbenen Palazzo am Canal Grande auszustatten, übertraf sich der Maestro selbst. Unter Einflüssen von Rococo und der Neorenaissance führte Michelangelo mit seinen Dekorationen den Flusspalast zu einer noch nie dagewesenen Grandezza. Und diese strahlt auch 150 Jahre später noch so, als hätten Guggenheim und seine Handwerker gerade erst den Raum verlassen, um sich draußen am Canałazzo den Schweiß von der Stirn zu waschen.
Heute ist das Fünf-Sterne-Hotel Aman Venice im Palazzo eingemietet. Besitzer Graf Giberto Arrivabene Valenti Gonzaga und Ehefrau Prinzessin Bianca von Savoyen-Aosta bewohnen noch immer das oberste Stockwerk. Bei der Übernahme 2013 wurde das Gebäude sorgsam renoviert. Auch wenn inzwischen Wifi-Boxen und Yogamatten an der Calle Tiepolo 1364 Einzug gehalten haben, bleibt der Besuch eine Zeitreise. Und je nach Unterkunft auch eine Tour in noch fernere Regionen. Im Salon der über 100 Quadratmeter großen Alcova Tiepolo Suite zeigen Wandmalereien chinesische Alltagsszenen, als kämen sie direkt von Marco Polos Whatsapp-Status. Seinen Namen verdankt das Appartement den Fresken von Giovanni Battista Tiepolo. Der venezianische Künstler aus dem 18. Jahrhundert war unübertroffen darin, auf den Wänden von Villen und Kirchen den Himmel und all seine Heiligkeiten aufgehen zu lassen.

„Die Kunstszene flirrt über Brücken und durch Gassen wie ein aufgescheuchtes Kaleidoskop aus Schmetterlingen.“
Insgesamt 24 Zimmer und Suiten stehen im Palazzo den Gästen zur Auswahl. In der Grand Canal Suite braucht man erst gar nicht aus dem Bett aufzustehen, um die besten Fotos der Wasserkanäle zu knipsen. Durch das Fenster der Palazzo Chamber Affresco genießt man dagegen den Blick auf die Privatgärten. Eine wohlbehütete Ruheoase in jener Stadt, die sich oft anfühlt wie eine im Selfieblitzlicht überhitzte Ameisenkolonne. Auf der Altana Dachterrasse thront man ohnehin über diesem Gewusel, ob beim Frühstück oder einem Aperitif, bevor es ins hauseigene Restaurant Arva geht. Unter einem Kronleuchter – so groß, dass er fast eine eigene Postleitzahl benötigt – serviert Chefkoch Matteo Panfilio typisch venezianische Gerichte. Was am Morgen noch im salzigen Wasser der Lagune schwamm, ziert am Abend je nach Saison die Teller im Arva: rote Garnelen, Steinbutt oder Salicornia – der „Spargel des Meeres“. Der Digestif wartet am Tresen vom Red Room. Die Bar ist Lord Byron gewidmet, dem Most Epic Tourist, den Venedig je hatte. Während seinem dreijährigen Aufenthalt schlief sich der englische Poet durch mehr Betten und trank sich durch mehr Flaschen, als es drei Generationen englischer Königshäuser geschafft hätten. Dennoch war er am nächsten Morgen stets nüchtern genug, um ein, zwei Meisterwerke der Weltliteratur zu schreiben. Anders als Lord Byrons bevorzugtes Trinkgefäß – ein mit Silber verzierter Menschenschädel – werden die Cocktails im Red Room im Glas serviert. Abenteuerlich sind sie dennoch: Wer sich zwei Stunden Zeit nimmt, wird durch einen Workshop geführt, bei dem TeilnehmerInnen ihr eigenes Parfum zusammenmischen. Basierend auf dessen Duftnote kreiert die Bar den passenden Drink. Für eine solch fabelhafte Alchemie hätte selbst der lebenslustige Lord seine belle (oder seinen beau) de jour vom Schoß geschoben.

Peggy in Venice
Moment mal. Was ist eigentlich aus den Guggenheims geworden, die nach Amerika auswanderten? Innerhalb einer Generation stiegen sie durch Bergbau- und Metallgeschäfte zu einer der reichsten Familien in den USA auf. Simons Enkel Benjamin Guggenheim fand seinen Tod auf dem Meeresgrund, als er 1912 mit der Titanic unterging. Bis zuletzt hatte der Millionär Frauen und Kinder in die Rettungsboote verladen und erwartete das Ende gemeinsam mit seinem Privatsekretär in voller Abendgarderobe bei Brandy und Zigarre. Unter seinen Nachkommen befand sich Tochter Peggy. Ihre Erbschaft nutzte die junge Frau, um eine der renommiertesten Kunstsammlungen der Welt anzuhäufen. Ihren Fokus richtete Guggenheim auf provokante Exponate der zu dieser Zeit aufkeimenden Avantgarde, des Surrealismus und Expressionismus. Jackson Pollock, Man Ray und Salvador Dalí hingen bei ihr nicht nur an den Wänden, sondern auf der Couch, um sich mit der Mäzenin über Götter und Welten auszutauschen. Nachdem der Zweite Weltkrieg die Kunstsammlerin zur Flucht aus ihrer Wahlheimat Paris gezwungen hatte, ließ sie sich nach ihrer Rückkehr in Europa in Venedig nieder. Als Begrüßungsgeschenk für La Serenissima im Gepäck: die erste öffentliche Ausstellung von Guggenheims Kollektion an der Biennale 1948. Während sechs Jahren hatte Europa in Flammen gestanden, nun kehrte der traditionsreiche Kunstanlass glanzvoll zurück. Und landete dank Peggys zeitgenössischem Touch mitten in der Moderne, wo die Biennale bis heute fest verankert ist. Die Amerikanerin nistete sich in den folgenden Jahren im Palazzo Venier dei Leoni ein. Dort ist inzwischen die Peggy Guggenheim Collection untergebracht – und die Urheberin liegt gemeinsam mit ihren 14 Hunden im Garten begraben.

Keine Kunstpause
Sowohl der Palazzo Papadopoli als auch die Biennale di Venezia wurden einst von zwei Guggenheims wieder wachgeküsst. In diesem Jahr fügen sich die beiden Institutionen Venedigs erstmals zusammen. Die 61. Ausgabe des Festivals findet von Mai bis November statt. 110 eingeladene KünstlerInnen präsentieren ihr Œuvre in den historischen Länderpavillons. Dutzende weitere Ausstellungen sind über die ganze Stadt verteilt – manche so geheimnisvoll versteckt hinter prächtigen Fassaden wie die Gesichter an einem Karneval. So auch im Aman Venice. Die Regisseurin und Multimedia-Künstlerin Charlotte Colbert wurde vom Hotel für eine Residency eingeladen. Mit ihrem Debütfilm „She Will“ wurde die Engländerin am Filmfestival von Locarno mit dem Goldenen Leopard ausgezeichnet. Zuletzt begeisterte ihr Skulpturen-Projekt „Chasing Rainbows“ in New York. Für das Aman Venice plant Colbert eine „immersive Reflexion über die zeitgenössischen Paradoxien Venedigs“. Auch im Hotelgarten blüht dank der italienisch-libanesischen Kuratorin Yasmine Helou Sonderbares. Ihre vierteilige Installation „Possible Landscapes“ will die Grenzen zwischen der Realität und dem Fantastischen aufheben. Die grünen Anlagen des Aman Venice werden so zu einem begehbaren Traum, dem man mit offenen Augen gegenübertritt.

Den Sbagliato in einer Hand. Das Biennale-Programm in der anderen. Küsschen links, Küsschen rechts. „Bella, du auch hier! Sieht man sich heute Abend an der Lee Ufan Retrospektive?“ – In diesen Tagen wirbelt Venedig noch wilder, noch bunter. Die Kunstszene flirrt über Brücken und durch Gassen wie ein aufgescheuchtes Kaleidoskop aus Schmetterlingen. Wer in diesem Rausch der Sinne etwas Ruhe sucht, findet im Palazzo Papadopoli einen Ort, der seit Jahrhunderten still und stolz die schönen Künste zelebriert. Und wem das noch immer zu viel Aufregung ist, dem empfehlen wir eine Autofahrt circa sieben Stunden nordwärts.

Aman Venice
Seit fünf Jahrhunderten fließt das Wasser entlang vom Palazzo Papadopoli. Doch in diesem Sommer wirft das Gebäude während der Biennale di Venezia besonders hohe Wellen. Der Stadtpalast, wo seit 2013 das Fünf-Sterne-Hotel Aman Venice untergebracht ist, schließt sich dem Kunstfestival mit zwei eigenen Multimedia-Installationen an. Zwischen den altehrwürdigen Mauern und privaten Gärten des Hauses schlagen die Werke von Charlotte Colbert und Yasmine Helou die ponte della storia zwischen historischer Opulenz und zeitgenössischem Luxus. aman.ch

Ab nach Venedig. Hier buchst du dir dein Zimmer im Aman.
Fotos: © Aman Venice
Soll es für dich doch lieber noch weiter südwärts gehen, dann ist vielleicht das Mount Nelson in Kapstadt etwas für dich.






