Verwundete Weltkriegssoldaten, Hollywood-Ikonen und ein Großmeister des Feng Shuis: Sie alle haben die über 110-jährige Geschichte des Grand Hotels Le Beauvallon geprägt. Doch für unseren Besuch an der Côte d’Azur halten wir uns an eine der schillerndsten Figuren der französischen Literatur. Es wird dramatisch. Und ein klein wenig skandalös. Doch am Ende bestellen wir noch ein zweites Glas Butter Amaretto Sour und blicken im Sonnenuntergang auf Saint-Tropez.

Colette brauchte drei Dinge im Leben: ihre Katze, ihr Fernweh und die Einsamkeit. In Paris war die Schriftstellerin zur Sensation und zum Skandal geworden. Die „Claudine“-Romane – zunächst unter dem Namen ihres ersten Ehemannes veröffentlicht – galten zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Pflichtlektüre. Die gutbetuchte le monde fieberte gespannt neuen Abenteuern der Titelheldin entgegen, kaum war sie am Ende einer Geschichte angekommen. Aber auch jene, deren Finger am Abend schmutzig von der Arbeit waren, blätterten begierig durch die Seiten. Nach Colettes Scheidung blieben die Autorenrechte bei ihrem Ex, und so verdiente sie ihr Geld zeitweise als Schauspielerin und Pantomimin auf den Bühnen der Lichterstadt. Colette stürzte sich in eine Affäre mit Aristokratin und Künstlerin Mathilde „Missy“ de Morny, die privat und beruflich als maskulin gelesene Person auftrat. Als sich das Paar bei einer Aufführung im Moulin Rouge auf der Bühne vor Publikum küsste, musste die Polizei den daraus folgenden Tumult schlichten und alle weiteren Vorstellungen wurden untersagt. Nach dem Ersten Weltkrieg feierte Colette endlich auch unter eigenem Namen literarische Erfolge. Es folgten weitere Ehen und Affären – und das Geschwätz der Gesellschaft, das damit einhergeht. Gepackt von Fernweh und auf der Suche nach Einsamkeit (sowie wahrscheinlich mit einer Katze im Schlepptau) zog es Colette in den Süden von Frankreich. Dort fand sie einen Ort, der Europas Aristokratie bereits seit Jahren als Refugium gegen die kalten Winter des Kontinents diente. Und Colette stieß auf ein prächtiges Anwesen, dessen Gärten sie in Briefen als „das bestgehütete Geheimnis der Côte d’Azur“ anpries: Le Beauvallon bei Saint-Tropez.

Krieg statt Crevetten
Für einmal schien das Glück nicht auf der Seite der Bernheim-Brüder zu stehen. Mit Immobilienentwicklung und Warentransport waren Émile und Edmond zu erfolgreichen Unternehmern geworden. Nun wagten sie sich an ein besonders prestigeträchtiges Projekt: ein Grand Hotel in den grünen Hügeln gegenüber von Saint-Tropez. Als Architekten erkoren die Bernheims den Schweizer Julien Flegenheimer, der später das Palais des Nations in Genf verantwortete. 1914 eröffnete der Prachtbau seine Tore – pünktlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Belle Époque nahm ein unschönes Ende. Und ihre Paläste wurden zum Lazarett. Statt Pyramiden aus Crevetten-Cocktails standen nun im Le Beauvallon die Krankenbetten für verwundete Soldaten. Schmerzensschreie in Sälen, wo eigentlich das Gelächter der High Society hätte erschallen sollen. Erst als 1918 die Mittelmächte kapitulierten und unter anderem auch Frankreich als Sieger aus dem Konflikt ging, schossen im Grand Hotel endlich die Champagnerkorken durch die Luft.

Nach den Kriegsjahren hatte Europa Durst nach Glamour. Und im Le Beauvallon soff es davon aus vollen Kelchen. Zu den Reichen und Schönen gesellten sich die Interessanten und Inspirierten. Bildhauerin Chana Orloff tummelte sich in der Gesellschaft – später verewigte sie Émile Bernheim als Büste, die heute vor der Kapelle von Beauvallon steht. Der Dichter und Theaterautor Paul Géraldy mietete sich als Dauergast im Hotel ein und ging dort seiner Arbeit nach. Auch jener Schriftsteller, dessen tragische Romanfigur Jay Gatsby zum Inbegriff der Roaring Twenties wurde, quartierte sich mit Gattin Zelda im Grand Hotel ein: F. Scott Fitzgeralds dritter Roman „Tender Is The Night“ ist inspiriert von seinem Aufenthalt an der französischen Riviera. Im einst verschlafenen Fischerdorf Saint-Tropez tummelte sich jetzt die Schickeria wie Goldbrassen im Netz. Einem Gast wurde das bald zu viel: Colette hatte sich im Ort mittlerweile die eigene Villa La Treille Muscate gekauft. Doch die mit jedem Jahr zahlreicher angereisten TouristInnen versalzten ihr die Muskatlaube. Die Autorin packte Katze und Fernweh und suchte die Einsamkeit wieder woanders.
„Hauptsache die Badeanzüge bleiben nie ganz trocken und die Coupegläser immer ausreichend feucht.“
Auch in Le Beauvallon verstummte bald wieder das Swing-Orchester: Panzer rollten gegen Paris, der Zweite Weltkrieg brannte durch Europa. Erneut dienten die Hallen als Militärhospital. Geblieben waren unter anderem Paul Géraldy und seine Partnerin Antoinette Sasse. Von hier aus half die Kunstmalerin dem legendären Widerstandskämpfer Jean Moulin bei der Organisation von La Résistance gegen die deutsche Besatzung. Während der Militäroperation „Dragoon“ im Jahr 1944 landeten alliierte Truppen an der Küste direkt vor dem Hotel und stießen ins Landesinnere vor. Zum zweiten Mal hatte Le Beauvallon einem Weltkrieg getrotzt. Und wieder wurde es zu einem Sehnsuchtsort. Mit dem internationalen Erfolg von Brigitte Bardot landete auch ihre Wahlheimat Saint-Tropez als Wunschdestination auf den Flugtickets des globalen Jetsets. Le Beauvallon bot dazu die perfekte Kulisse. Roaring Twenties, Swinging Sixties: Hauptsache die Badeanzüge bleiben nie ganz trocken und die Coupegläser immer ausreichend feucht. Audrey Hepburn war vor und hinter der Kamera zu Gast: Szenen ihres Films „Two For the Road“ wurden im Beach Club des Grand Hotels gedreht und machten es endgültig zur popkulturellen Ikone. (Ihren Durchbruch verdankte Hepburn übrigens Colette. Die beiden Damen begegneten sich zufällig in einer Hotellobby in Monte Carlo. Die Französin bestand darauf, dass die damals noch unbekannte Schauspielerin die Hauptrolle in der Broadway-Version ihres Romans „Gigi“ spielen sollte.)
Wie eine offene Champagnerflasche, die zu lange an der Sonne stand, begann es in den folgenden Jahrzehnten auch im Le Beauvallon weniger zu kribbeln. In Saint-Tropez wurde ausschweifender denn je gefeiert. Doch der Ort schien jene Institution zu vergessen, die ihn einst zum Mythos gemacht hatte. 2008 verabschiedete sich der terrakottafarbene Palast in einen langen, langen Schönheitsschlaf. Doch das legendäre Grand Hotel war bereit für seine dritte Wiederauferstehung.
Alles im Fluss, immer am Meer

Ein Schlag. Ein Hall. Und dann – Stille. Im Feng Shui dient der Klang des Gongs dazu, einen Raum zu reinigen. Die Schallwellen rollen durch die Atmosphäre und massieren das Qi, die allgegenwärtige Lebensenergie. Wer in diesen Tagen am Boulevard des Collines eincheckt, beginnt seinen Aufenthalt mit diesem kleinen Ritual. Seit April 2026 steht das Grand Hotel unter dem Namen Como Le Beauvallon wieder für die Allgemeinheit offen. Bei der sanften Neugestaltung des Anwesens war auch Großmeister Tan Khoon Yong beteiligt. Als einer der weltweit führenden Feng-Shui-Gelehrten war es seine Aufgabe, das Qi im Como Le Beauvallon fließen zu lassen, wie die Cocktails aus dem Shaker eines fleißigen Barkeepers.
Gewiss hätte auch Madame Colette entzückt den Gong-Mallet ergriffen; suchte sie an der Côte d’Azur doch ebenso ein Leben in Harmonie mit der Natur und allen unsichtbaren Mächten, die sie umgibt. Auf ihrem Weg durch den Salon käme Colette vorbei an einer silbrig schimmernden Skulptur des chinesischen Künstlers Zheng Lu. Ihr Name „Toi et Moi“ erinnert an den gleichnamigen Gedichtband von Paul Géraldy, mit dem Colette einst das Theaterstück „Duo“ schrieb. Der wahrscheinlich treueste Hotelgast in der langen Geschichte vom Le Beauvallon hat das Haus also noch immer nicht ganz verlassen. Zur Übernachtung käme für Madame Colette selbstverständlich nur die Como Suite infrage. Das fast 200 Quadratmeter große Penthouse ist das mit Säulen gestützte Juwel des Hauses. Am Fenster steht ein Teleskop. Colette könnte das bunte Treiben am Hafen von Saint-Tropez auf der anderen Küstenseite beobachten – und wäre doch ganz weit weg vom Rummel, der sie einst fortgetrieben hatte. Und würde sich die Grand Dame doch einmal unter die Menschen mischen wollen, stünde ihr das Shuttle Boot des Hotels zur Verfügung.

„Im Halbdunkel sprechen die Herzen besser miteinander“, schrieb Paul Géraldy in „Toi et Moi“. Wenn die Sonne landeinwärts hinter den Hügeln verschwindet, glüht Saint-Tropez noch einmal in ihren letzten Strahlen auf. Im Restaurant Beauvallon Sur Mer genießen die Verliebten das Panorama – tous les autres aussi, bien sûr. In „Two For the Road“ ließen sich Hepburn und ihr Filmpartner Albert Finney Hummer servieren, während sie im Sand von Le Beauvallon fläzten. Blue Lobster findet sich auch heute noch auf dem Menü, das der mit 16 Michelin Sternen ausgezeichnete Chef Yannick Alléno zusammengestellt hat. Nähme nun aber Colette Platz am Plage de César, würden wir ihr den Salade d’artichauts grillés mit geröstetem Sesam empfehlen. Vielleicht gingen ihre Erinnerungen zurück an ihren eigenen Garten, den sie einst um La Treille Muscate hingebungsvoll pflegte. Über diese Zeit in ihrem Leben schrieb Colette im Buch „La Naissance du jour“: „Tout le reste est gai, varié, nombreux.“ (Alles Übrige ist heiter, vielfältig, zahlreich.) Besser lässt sich ein Besuch im Como La Beauvallon kaum beschreiben. Bonne nuit, Madame. Und Grüße an die Katze.

Como Le Beauvallon
Hier warfen sich alliierte Soldaten in den Sand und die europäische Haute Volée in Schale: Das Grand Hotel Le Beauvallon an der Côte d’Azur trotzte zwei Weltkriegen und machte Saint-Tropez zur Luxusdestination. Nach umfangreicher Renovation steht das Etablissement jetzt unter dem Namen Como Le Beauvallon zum ersten Mal seit 2008 wieder als Hotel offen. In 42 individuellen Zimmern und Suiten schwelgen Gäste zwischen historischem Ambiente, moderner Kunst und Fünf-Sterne-Service. Ein umfangreiches Wellnessangebot und die weitläufige Gartenanlage sorgen für Erholung – und das hoteleigene Shuttleboot für eine gediegene Fahrt nach Saint-Tropez.
comohotels.com
Du willst dir das Ganze vor Ort ansehen? Dann buch dir gleich ein Zimmer.
Fotos: © Como Le Beauvallon
Wo es uns sonst so hinzieht? Zum Beispiel ins Aman Venice.






