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Fotograf Bram van Dijk im Interview

by Josefine Zürcher
07.09.2026
in CULTURE
Fotograf Bram van Dijk im Interview

Weil er als 16-Jähriger auf dem Anmeldeformular eines lokalen Filmwettbewerbs wild auf der Tastatur rumtippte, entstand sein Pseudonym nahmlos. Heute kennt man den Fotografen aber auch unter seinem richtigen Namen Bram van Dijk. Der Wahlpariser ist nicht nur bei der Namensfindung kreativ: Er filmt, kann Editorial- und Produktfotografie und jagt auf der Straße nicht nur idyllische Szenarios, sondern stürzt sich auch einmal mitten in einen Protest. Warum er als Kind seine allerersten Fotos allesamt gelöscht hat und weshalb er bei einer Party eine andere Kamera dabei hat als auf der Straße, erzählt der Niederländer im Interview.

FACES: Du hältst eine Vielzahl von Szenarien fest – von entspannten Momenten an den Stränden Südfrankreichs über Demonstrationen in der Stadt bis hin zu Editorials. Welche Art von Menschen oder Szenarien fotografierst du am liebsten?
Bram van Dijk: Jedes dieser Szenarien hat seinen eigenen Reiz. Es ist schön, zwischen ihnen wechseln zu können. Das Fotografieren von Protesten in Paris ist aufregend – die Spannungen zwischen der Menge und der Polizei zusammen mit dem brennenden Tränengas schaffen eine adrenalingeladene Situation, in der man schnell handeln muss. Es ist ein heikler Balanceakt voller kurzer, fotogener Momente. Meine anderen Straßenfotografie-Arbeiten, wie die Fotos aus Südfrankreich, konzentrieren sich etwas mehr auf Menschen in ihrem Alltag. Eine Dokumentation des Lebens statt eines Ereignisses. Was mich dazu bewegt, ein Foto von etwas oder jemandem zu machen, ist schwer zu erklären – meist ist es etwas Außergewöhnliches, das mir ins Auge fällt, ein einzigartiger Charakter oder eine Emotion, manchmal mit einer lustigen Wendung. Oft etwas, das sich irgendwie zeitlos anfühlt. Bei meiner Arbeit als Regisseur oder redaktioneller Fotograf ist die Situation ganz anders. Es gibt Momente, in denen ich von einem bestimmten Foto träume, das ich gerne aufnehmen würde, das sich aber in einem realen Straßenfotografie-Szenario unmöglich finden lässt. Dann ist eine inszenierte Umgebung der perfekte Weg, um diese Ideen in die Realität umzusetzen.

F: Wann hast du die Fotografie als Kunstform für dich entdeckt?
BvD: Meine erste prägende Begegnung mit der Fotografie hatte ich durch alte Skate-Magazine wie Kingpin, Transworld oder sogar Vice. Ein älterer Freund meiner Schwester gab mir ein paar Ausgaben, als ich etwa zwölf war. Ich fand es faszinierend, in all diese verschiedenen Orte, Lebenswelten und Subkulturen einzutauchen. Skate-Magazine bieten eine tolle Mischung aus Trickfotos und Lifestyle-Fotografie. Ich bin fest davon überzeugt, dass dort meine Liebe zur dokumentarischen Seite der Fotografie ihren Anfang nahm.

F: Erinnerst du dich an das erste Foto, das du jemals gemacht hast?
BvD: Eine prägende Kindheitserinnerung im Zusammenhang mit der Fotografie ist die, wie ich auf dem Rücksitz im Auto meiner Eltern sitze, ich muss etwa elf Jahre alt gewesen sein, und wir waren auf dem Rückweg von einem Sommerurlaub in Frankreich. Um mir die Zeit zu vertreiben, spielte ich an einer schrottreifen alten Digitalkamera herum, die ich mir von meinem Taschengeld gekauft hatte. Meine Eltern interessierten sich nicht sonderlich für Fotografie, daher war dies wahrscheinlich einer unserer ersten Familienausflüge, der mit einer Digitalkamera dokumentiert wurde. Als ich einige der Fotos durchstöberte, die ich aufgenommen hatte, wollte ich sehen, ob ich das Seitenverhältnis eines Fotos ändern konnte. Im englischen Menü suchte ich nach dem Wort, das der niederländischen Übersetzung von „Größe“ oder „Seitenverhältnis“ am nächsten kommen würde, und stieß dabei auf „format», was dem niederländischen Wort für Größe, „formaat», wirklich sehr ähnlich ist – im Fotografiekontext aber leider nicht dasselbe bedeutet. Also habe ich tatsächlich versehentlich alle meine ersten Fotos gelöscht, nur um mir die Zeit zu vertreiben (lacht).

„Neue Ausrüstung kann mich dazu motivieren, zu experimentieren und neue Arbeiten zu schaffen.“

F: Wie hat sich deine Fotografie im Laufe der Jahre weiterentwickelt?
BvD: Während meines Filmstudiums begann ich, mit der Fotografie zu experimentieren, um meine Fähigkeiten in den Bereichen Bildausschnitt, Fokussierung und Lichtverständnis zu verbessern. Ich hoffte, dass mir das helfen würde, ein besserer Kameramann zu werden. Die meisten dieser frühen Bilder waren im Querformat und orientierten sich am Seitenverhältnis des traditionellen Kinos. Nach einer Weile begann ich, mehr vertikale Fotos zu machen, und experimentierte viel mit Blitzlicht. Von da an war es nicht mehr nur ein Mittel, um meine Fähigkeiten als Kameramann zu verbessern, sondern entwickelte sich zu einer eigenständigen Art des Sehens und Arbeitens. Im Laufe der Jahre habe ich mit verschiedenen Techniken, Kameras und Motiven experimentiert. Sie alle haben eine Rolle bei der Entwicklung meines Stils gespielt. Neue Ausrüstung kann mich dazu motivieren, zu experimentieren und neue Arbeiten zu schaffen.

F: Dein Pseudonym lautet nahmlos. Wie bist du darauf gekommen und warum hast du es gewählt?
BvD: Es ist eine Abwandlung des niederländischen „naamloos» (namenlos). Als ich 16 Jahre alt war, habe ich ein kleines Videoprojekt, das ich mit Freundinnen gedreht hatte, bei einem lokalen Filmfestival für Kinder eingereicht. Auf dem Anmeldeformular wurde ich gebeten, den Namen der Produktion anzugeben. Da ich nicht wusste, was mit „Produktion» gemeint war, tippte ich verschiedene Varianten des Wortes „anonym» ein: „anoooooonymous», „anohnumouhs», dann „naamloos», „naaaahmloooos» und schließlich „nahmlos». Seit Jahren gefällt mir die Idee, dass KünstlerInnen und MusikerInnen ihre Werke über sich selbst stellen. Als es dann an der Zeit war, meine Kreationen online zu teilen, dachte ich, es wäre witzig, beim Pseudonym „nahmlos» zu bleiben. Erst in den letzten Jahren habe ich begonnen, meinen richtigen Namen in meinen Online-Auftritten anzugeben. Manche Leute hatten Schwierigkeiten, meine Werke zu finden, und nachdem ich im echten Leben als nahmlos angesprochen wurde, beschloss ich, in Sachen Verstecken hinter dem Pseudonym etwas flexibler zu sein. Ich bin Bram, und einige meiner Werke stammen von nahmlos. Die Trennung zwischen den beiden ist in meinem Kopf ebenso klar wie vage.

F: Welches ist die Kamera deiner Wahl?
BvD: Das ist schwierig zu beantworten. Jede Situation und jedes Ergebnis erfordert eine eigene Ausrüstung oder Vorgehensweise, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Wenn ich skaten gehe oder auf einer Party bin, nehme ich meistens nur eine kleine analoge Kompaktkamera mit, wie die Olympus Mju II oder die Contax T2. Wenn ich redaktionelle Aufnahmen, Produktfotos oder Modefotos mache, verwende ich am liebsten meine alte, bewährte Nikon FM oder die kürzlich erworbene Contax G2. Wenn ich auf der Straße fotografiere, greife ich wiederum zur Leica M6. Diese Kamera habe ich nun schon seit über zehn Jahren und ich habe das Gefühl, dass ich ihr mehr vertrauen kann als allen anderen. Wenn das Bild unscharf ist oder die Belichtung nicht stimmt, liegt es an mir und nicht an der Kamera. Ich ärgere mich lieber über mich selbst als über den langsamen Autofokus, den manche dieser Kameras bei schlechten Lichtverhältnissen haben können (lacht).

F: Das ist eine ziemlich spezifische Auflistung an Kameras. Glaubst du, dass die Ausrüstung eine Rolle spielt, oder kann man am Ende des Tages doch mit jeder Kamera – sogar mit einem Handy – ein gutes Foto machen?
BvD: Man kann sicherlich mit jeder Art von Fotoausrüstung fantastische Bilder schaffen. Wenn man jedoch ein bestimmtes Ergebnis oder eine bestimmte Arbeitsweise anstrebt, dann kann die Ausrüstung dennoch eine große Rolle spielen.

„Ich denke gerne über die Kombination von Zufällen nach, die alle zur richtigen Zeit zusammenkommen müssen, damit gute Straßenfotos entstehen.“

F: In der Straßenfotografie taucht immer wieder die Frage nach der Ethik auf. Wie stehst du dazu?
BvD: Das ist ein schwieriges Thema, vor allem weil der Begriff „Straßenfotografie» sehr weit gefasst ist und jeder Stil seine eigenen Fragen und Wertungen mit sich bringt. Oft wird der Einsatz von direktem Blitzlicht in der Straßenfotografie stark kritisiert, während andere die heimlichen Aufnahmen mit dem Handy oder mit einem Zoomobjektiv aus großer Entfernung hinterfragen. Da ich selbst nicht besonders gerne fotografiert werde, spüre ich manchmal diese inneren Konflikte. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das, was ich tue, richtig ist, glaube aber dennoch, dass sich das Ergebnis letztendlich lohnt. Ich bin nicht darauf aus, jemandem den Tag zu verderben und habe keine schlechten Absichten. Wenn also in seltenen Fällen jemand mein Fotografieren missbilligt, kann ich mich leicht erklären und habe Verständnis für diese Ablehnung. Meistens enden diese Gespräche mit einem Händedruck oder einem „Dir auch einen schönen Tag». Es ist wichtig, dass Dinge mit einem gewissen Maß an Integrität und Geschmack getan werden. Da Geschmack jedoch subjektiv ist und es schwer ist, die wahre Absicht oder Integrität hinter dem Bild zu erkennen, wird die Frage der Ethik weiterhin eine sich ständig entwickelnde Diskussion sein.

F: Welche Rolle spielt die Straßenfotografie bei der Dokumentation der Geschichte und der Bewahrung von Momenten?
BvD: Wenn man in die Vergangenheit zurückblickt, begann die frühe Fotografie ähnlich wie die Malerei der Renaissance: Menschen wurden so porträtiert, wie sie in Erinnerung bleiben wollten. Schicke Kleidung, aufwändige Frisuren – es handelt sich um eine inszenierte und gestaltete Version der Geschichte. Doch als Kameras kleiner und erschwinglicher wurden, konnten FotojournalistInnen, StraßenfotografInnen und später auch normale Haushalte nicht nur historische Ereignisse, sondern auch ihren Alltag dokumentieren. Wenn man die Archive von Magnum Photos, „The Anonymous Project“ oder unzählige andere Bücher zur Straßenfotografie durchblättert, sieht man deutlich, wie die Fotografie die Vergangenheit bewahrt hat. Auch wenn diese Aufnahmen nicht immer historisch ganz korrekt sind, bieten sie doch einen etwas authentischeren Einblick in das Leben von damals.

F: Was kann ein Straßenfoto vermitteln, was Worte oder andere Kunstformen nicht können?
BvD: Ich denke gerne über die Kombination von Zufällen nach, die alle zur richtigen Zeit zusammenkommen müssen, damit gute Straßenfotos entstehen. Wie im wirklichen Leben liegt die Schönheit in jenen seltenen Momenten, in denen alles perfekt zusammenpasst. Man kann solche Momente nicht planen, muss aber bereit sein, wenn einer eintritt. In einem Bruchteil einer Sekunde kann er schon vorbei sein.

F: Welche anderen Fotografinnen oder KünstlerInnen inspirieren dich am meisten?
BvD: Da gibt es unzählige: Jill Freedman, Richard Sandler, Lars Tunbjörk, Andy Breen, Bertien van Manen, Bruce Gilden, Vivian Maier, Jon Walker, Helmut Newton, Martin Parr, Ed Templeton – sie alle haben mich zu verschiedenen Zeiten meines Lebens auf unterschiedliche Weise inspiriert.

F: Wie verbringst du gerne deine Zeit, wenn du nicht gerade fotografierst oder filmst?
BvD: Neben meiner Arbeit als freiberuflicher Video-Cutter bin ich gerne draußen unterwegs. Skaten gehen, mit Freundinnen abhängen, eine Ausstellung besuchen oder auf ein Konzert gehen. Da ich in Paris lebe, ist es sehr einfach, ständig etwas zu unternehmen – es gibt immer etwas zu sehen oder zu tun. Aber da ich in 99 Prozent der Fälle, in denen ich das Haus verlasse, eine Kamera dabei habe, ist die Wahrscheinlichkeit dennoch groß, dass ich hin und wieder ein Foto mache (lacht).

„Ein vollständig künstlich erzeugtes Bild, das wie ein Foto aussieht, ist kein Foto.“ 

F: Künstliche Intelligenz wird immer mehr zum Thema in der Kunst und Fotografie. Was ist deine Meinung dazu? Glaubst du, dass KI jemals eine Bedrohung für die Fotografie darstellen könnte?
BvD: KI ist bereits eine massive Bedrohung für die Fotografie. Nicht nur insofern, als es im Fotojournalismus unmöglich sein wird, zwischen echt und gefälscht zu unterscheiden, sondern auch in finanzieller Hinsicht. Es gibt zahlreiche Kunst- und StraßenfotografInnen, die nicht von ihrer Kunst leben können. Deshalb sind sie auf kommerzielle Nebenprojekte angewiesen, um ihre künstlerische Arbeit fortsetzen zu können. Da einige dieser kommerziellen Projekte durch KI ersetzt werden, wird es immer schwieriger, Projekte selbst zu finanzieren. Die Wahrnehmung der Gesellschaft gegenüber Bildern und deren Wert hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, und KI ist nur das nächste Kapitel in dieser Entwicklung.

F: Was hältst du von Menschen, die KI nutzen, um Fotografien oder andere Kunstwerke zu schaffen?
BvD: Es muss entsprechend bezeichnet werden. Ein vollständig künstlich erzeugtes Bild, das wie ein Foto aussieht, ist kein Foto. Die Grenze verschwimmt, wenn Bilder zur Hälfte fotografiert und zur Hälfte in der Nachbearbeitung zusammengestellt werden. Ich persönlich arbeite am liebsten mit möglichst echten Elementen. Für die Straßenfotografie ist das selbstverständlich, aber auch bei meiner Arbeit als Regisseur und Editorial-Fotograf bin ich lieber vor Ort, mit echten Models und echten Menschen, die dabei helfen, ein echtes Set aufzubauen. Wenn jedoch Dinge in der realen Welt unmöglich sind oder das Budget die Umsetzung einer Vision nicht zulässt, habe ich nichts dagegen, KI als Werkzeug in der Nachbearbeitung einzusetzen, um der Bildbearbeiterin oder der 3D-Künstlerin zu helfen, schneller zum gewünschten Ergebnis zu gelangen. Vielleicht sollten wir einfach einen anderen Begriff finden, um diese Projekte zu definieren – so etwas wie „visuelle Collagen-Kunst» oder „Bildgestaltung» – anstatt sie unter dem Oberbegriff Fotografie zu verstecken. Für mich beginnt das Problem erst richtig, wenn KI in Straßenfotografie und Fotojournalismus vordringt. Das sind Bereiche, in denen die ungeschriebene Regel der Echtheit einen hohen Stellenwert hat – und KI hat dort nichts zu suchen.

F: Wie stehst du zu sozialen Medien? Sind Instagram und Co. ein gutes Mittel, um sich als Künstlerin weiterzuentwickeln, oder fällt es dir schwer, dich von der Masse abzuheben und ein Publikum aufzubauen?
BvD: Wie viele andere habe auch ich eine Hassliebe zu sozialen Medien, insbesondere zu Instagram. Es ist ein großartiger Ort, um mit Menschen in Kontakt zu treten und ihre Arbeiten zu entdecken, aber es ist auch ein Ort, in dem man sich leicht verlieren kann. Bestimmte Kunst ist einfach nicht für kleine Bildschirme, Algorithmen, Likes und vertikale Formate gemacht. Einer der Gründe, warum ich gerne auf Film oder anderen physischen Medien fotografiere, ist der haptische Aspekt. Man hat etwas, das man anfassen kann und das in der realen Welt existiert. Likes, Follower und Views können sich so abstrakt anfühlen. Auch wenn es mich in gewisser Weise beeinflusst, versuche ich, mich nicht zu sehr darauf zu fixieren.

F: Was steht auf deiner Bucket List?
BvD: Eines Tages – wenn ich alt bin – möchte ich ein retrospektives Fotobuch machen. Quasi ein Lebenswerk aus Bildern, das ich in meinen Händen halten kann.

BRAM VAN DIJK
Sein Pseudonym ist zwar nahmlos, doch der Niederländer hört auf den Namen Bram van Dijk. So ungern er selbst vor der Kamera steht, so gern drückt er auf den Auslöser. Sowohl Bewegtbild als auch Fotografie haben es Bram angetan. Er schneidet Videos, filmt, dokumentiert Proteste, Menschen am Strand und in der Stadt und weiß auch, wie man Mode und Produkte richtig in Szene setzt.
nahmlos.com

Ab an den Strand: Schau dir an, wie Bram van Dijk das süße Nichtstun in Kunst verwandelt.

Lass dich von Bram van Dijks Kreativität inspirieren.

Tags: Bram van Dijk
Josefine Zürcher

Josefine Zürcher

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