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Schauspielerin Luna Wedler im Interview

by Michael Rechsteiner
07.09.2026
in CULTURE
Schauspielerin Luna Wedler im Interview

Als Teenagerin sprang Luna Wedler ins kalte Wasser. Schauspielerfahrung hatte sie bei ihrem ersten offenen Casting kaum. Trotzdem angelte sich Luna die Hauptrolle im Film „Blue My Mind». Das Coming-of-Age-Drama handelt von einer jungen Außenseiterin, die sich langsam in eine Meerjungfrau verwandelt. Der märchenhafte Body Horror machte die Zürcherin zur international gefragten Leinwand-Sensation. Seither schwimmt Luna Wedler obenauf. Auch weil ihre Filme in emotionale Tiefen tauchen. 2025 gewann sie bei den Filmfestspielen von Venedig den Marcello Mastroianni Award als bestes Nachwuchstalent für das Drama „Silent Friend». Ihr nächstes Projekt führt Luna erneut ins Meer. Diesmal nicht nur mit einer Schwanzflosse, sondern als der Kleine Blaue in „De Rägebogefisch». Die Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers feiert Weltpremiere am diesjährigen Zurich Film Festival. Eine doppelte Heimkehr für Luna: Die Voiceover-Arbeit für „De Rägebogefisch» brachte sie zurück in die Kindheit. Und das Zurich Film Festival in die Stadt, wo ihre Erfolgswelle vor zehn Jahren ins Rollen kam. Im Interview unterhalten wir uns mit der Schauspielerin über gute Ratschläge von hoffnungsvollen Fischen, die gesellschaftliche Bedeutung von Filmen und ob wir sie je im zwölften Teil der „Transformers»-Franchise erwarten können.

FACES: Das erste Zurich Film Festival fand 2005 statt. Damals warst du knapp fünf Jahre alt. Wann kamst du das erste Mal mit dem Anlass in Berührung? Und hast du dabei gedacht „Dort will ich auch mal landen»?
Luna Wedler: Was ich am Zurich Film Festival so schön finde, ist, dass die ganze Stadt schon Wochen vorher mit dem Logo, diesem großen goldenen Auge, geschmückt wird. Man bekommt mit, wie alles aufgebaut wird, und diese Festivalstimmung entsteht nach und nach. Das fand ich schon als Kind sehr aufregend. Dass ich selbst irgendwann über den Teppich vom Festival laufen würde, hätte ich aber nie gedacht (lacht). Ich hatte damals nichts mit Schauspielerei geplant, bis ich mit 15 Jahren ein offenes Casting besucht habe. Mein allererster Film („Amateur Teens», 2015, Anm. d. Red.) feierte dann am Zurich Film Festival Premiere. Zu dieser Zeit war ich gerade für einen Austausch in Amerika und durfte extra für die Premiere zurückkommen. Und plötzlich stand ich selbst auf dem grünen Teppich.

F: Wie schätzt du die Bedeutung vom ZFF heute international ein? Was macht Zürich prädestiniert für ein eigenes Filmfestival?
LW: Über die Jahre ist das Festival echt groß geworden. Und es scheint, dass die Leute, auch bekannte Namen, sehr gerne nach Zürich kommen. Die Auswahl der Filme ist extrem facettenreich und legt gleichzeitig einen starken Fokus auf Schweizer Filme. Es ist eine schöne Mischung aus Genres, Geschichten und Kulturen.

F: Du stellst am ZFF die Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers „De Rägebogefisch“ vor. Wann bist du das erste Mal mit dem Buch in Berührung gekommen?
LW: „De Rägebogefisch“ war bei uns Zuhause ein großes Thema. Ich habe ihn bereits im Kindergarten gelesen. Das ist süß, weil ich bereits die Verfilmung von „Der Räuber Hotzenplotz» machen durfte, der ebenfalls am Zurich Film Festival Premiere hatte. Jetzt wieder ein Kinderfilm – noch dazu einer, der durch die Zusammenarbeit mit der Augsburger Puppenkiste auf echtes Handwerk zurückgreift. Das ist gerade in unserer heutigen Zeit etwas sehr Schönes. Als die Anfrage zum Film kam, bin ich zuallererst in den Laden gegangen und habe mir das Buch erneut gekauft. Ich hatte es seit 20 Jahren nicht mehr angeschaut. Aber sobald man die Seiten aufschlägt und diese Bilder, die Zeichnungen und die Worte wieder sieht und liest, kommen sofort diese Kindheitsgefühle zurück – diese Aufgeregtheit, wenn der Regenbogenfisch auf seine Reise geht. Deshalb war es eine sehr schöne Erfahrung, das noch einmal zu spüren. So, als würde das innere Kind ein bisschen mitschwimmen (lacht).

F: „De Rägebogefisch“ ist dein erster Kinofilm, in dem du ausschließlich als Sprecherin agierst. Macht es den Prozess für dich einfacher oder schwieriger, wenn du einzig deine Stimme hast, um die Rolle auf die Leinwand zu bringen?
LW: Es ist nicht einfacher oder schwieriger. Aber es ist etwas Neues. Was extrem schön ist: Du hast keine Kameras. Zwar denke ich auch beim Spielen nicht groß über Kameras nach. Doch im Aufnahmestudio hast du wirklich nur das Instrument Stimme und erforschst dadurch die Sprache noch einmal ganz neu. Wenn wir miteinander reden, hat jeder eine andere Stimmfarbe, eine andere Melodie oder gewisse Nebenlaute. Ich habe angefangen, darauf viel stärker zu achten und die Menschen um mich herum genauer zu hören und dann versucht, das einzubauen. Denn über die Stimme allein muss man die ganzen Emotionen transportieren. Aber auch den Charakter, das Herz, die Liebe. Meine Rolle, der Kleine Blaue, ist so eine energetische, freche, manchmal ein bisschen vorlaute, sehr positive und lösungsorientierte Figur. Deshalb hat es mir enorm Spaß gemacht, mich da voll reinzulegen.

F: Du hast in einem Interview erwähnt, dass deine vergangenen Rollen in dir weiterleben als Freundinnen, die du manchmal um Rat fragst. Was glaubst du, wird dir deine Rolle als der Kleine Blaue in Zukunft ans Herz legen?
LW: Gemeinsam Lösungen zu finden. Der Kleine Blaue ist extrem hoffnungsvoll, denkt schnell und macht Pläne. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man Probleme gemeinsam angeht. Ich denke, das ist auch eine wichtige Botschaft des Films. Und etwas, das wir uns alle für den Alltag abschauen können.

„Was mir heute leichter fällt, ist, für mich selbst einzustehen, mir den Raum zu nehmen und auf meine Intuition zu hören.“

F: Mit 26 blickst du bereits auf eine über zehnjährige Karriere vor der Kamera zurück. Gibt es Dinge, die dir bei der Arbeit inzwischen leichter fallen? Und solche, die anspruchsvoller geworden sind?
LW: Was mir heute leichter fällt, ist, für mich selbst einzustehen, mir den Raum zu nehmen und auf meine Intuition zu hören. Denn es ist ein Beruf, der sehr mit Unsicherheit verbunden ist. Auch wenn das von außen selbstbewusst rüberkommt, ist es ein sehr sensibler, feiner Beruf. Ich glaube, dass ich inzwischen sehr auf mein Bauchgefühl höre. Und es ist auch ein Geschenk, dass ich so eine Intuition habe und sie kommunizieren darf. Das habe ich mich früher noch nicht so getraut. Was mit der Zeit stark zugenommen hat, ist das öffentliche Interesse und die Pressearbeit. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, es ist einfach mehr geworden. Und da macht man sich auch selbst Druck, all dem gerecht zu werden.

F: In Artikeln über dich liest man oft, du seist eines der wichtigsten Talente deiner Generation. Was macht das mit einem?
LW: Wenn mir so viel Schönes passiert, und dann auch noch so schnell, denke ich manchmal: Bald merken die Leute: Die kann das eigentlich alles gar nicht. Doch im nächsten Moment sage ich mir: Ach nein! Jetzt hör doch mal auf damit, Luna. Ich bin schon auch stolz darauf, was ich inzwischen erreicht habe. Ich weiß, dass ich sehr viel Glück gehabt habe. Aber auch, dass ich sehr viel dafür gearbeitet habe.

F: Wenn du dich zwischen folgenden Filmprojekten entscheiden müsstest, welches würdest du wählen? Option 1: Die Hauptrolle in einem Arthouse-Drama von Julia Ducournau, das von der Kritik gefeiert wird, aber weltweit nur in 100 Kinos erscheint. Option 2: Eine Nebenrolle in „Transformers 12: Return of the Car Dinosaurs“ – 90% vom Film wurden mit KI generiert, aber die Dreharbeiten dauern nur eine Woche und dein Honorar sind 3 Millionen Dollar.
LW: Ich würde mich ganz klar für die Arthouse-Variante entscheiden. Weil: Fuck KI. Was uns Menschen verbindet, lässt sich mit KI nicht einfach reproduzieren. Ich rede jetzt vor allem von Medien und Film. Aber ich glaube, das gilt für viele Kunstformen. Das ist auch ein Grund, warum ich Film so liebe: Er verbindet Menschen, schafft Empathie, bringt Kulturen zusammen, bringt uns zum Nachdenken und öffnet Diskussionen. Das ist etwas unglaublich Wichtiges, das wir bewahren sollten.

„Fuck KI. Was uns Menschen verbindet, lässt sich mit KI nicht einfach reproduzieren.“

F: War das auch ein Aspekt, der dich an „De Rägebogefisch“ besonders gereizt hat? Durch die Marionetten der Augsburger Puppenkiste hat der Film diese haptische Dimension bekommen.
LW: Total. Es hat etwas sehr Handwerkliches. Und gerade für Kinder ist dieses Zurückgehen zu etwas Bodenständigem und Authentischem sehr schön. Auch die Musik des Regenbogenfischs ist sehr klassisch, mit Orchester, Trompeten und Trommeln. Es ist eine schöne Form der Entschleunigung in unserer heutigen Welt.

F: Bei welchem Film hast du zuletzt geweint, bei welchem so sehr gelacht, dass du kaum mehr atmen konntest – und welchen würdest du einem neuen Lieblingsmenschen ans Herz legen?
LW: Der letzte Film, bei dem ich weinen musste, war „In die Sonne schauen». Der hat mich total umgehauen. Lachen musste ich neulich am Locarno Film Festival. Dort habe ich eine wundervolle Doku aus Argentinien gesehen: „La ilusión de un verano sin fin». Da habe ich ganz viel geweint. Aber auch ganz viel gelacht. Doch wenn es ausschließlich ums Lachen geht, würde ich noch etwas anderes nennen. Neulich habe ich wieder mal „Silver Linings Playbook» gesehen. Das ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Obwohl es um Depressionen geht, ist er auch echt lustig.

F: Kommen wir noch einmal zurück auf Zürich. Deine Karriere ist inzwischen sehr international, verbunden mit vielen Reisen. Auf welche drei Dinge in Zürich freust du dich am meisten bei deiner Rückkehr?
LW: Das Lettenbad im Sommer, meine Freundinnen und meine Kaffeemaschine.

F: Ist es eine besonders gute Kaffeemaschine?
LW: Nein, sie ist einfach in meinem Zuhause (lacht).

ZURICH FILM FESTIVAL
Zürichs filmreifste Tage im Jahr stehen bevor. Vom 24. September bis 4. Oktober 2026 rollt das Zurich Film Festival den grünen Teppich in der Limmatstadt aus. Hollywood-Prominenz ist plötzlich zum Greifen nah, wie sonst ein Matcha Latte aus dem Kaffeefenster am Bellevueplatz. Doch nicht nur Star-Kino und Blitzlichtgewitter klingen durch die lauen Sommerabende. Auch für seine 22. Ausgabe gelingt es dem Event, internationalen Glamour mit klug kuratiertem Arthouse-Cinema und lokalem Filmschaffen zu verbinden. Das ZFF ist eine vielsprachige Liebeserklärung an den Film und inzwischen ein über die Landesgrenzen renommierter Anlass, wo sich die Branche trifft, debattiert und das Publikum mit seinen Werken immer wieder ins Staunen versetzt.
zff.com

Fotos: © pa picture alliance (dpa), Filmcoopi Zürich

Tags: Luna WedlerRegenbogenfischZurich Film Festival
Michael Rechsteiner

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