Sonniges Gemüt aus Australien trifft auf Berliner Coolness: Cheyenne Tulsa und Marcel Porcher sind privat und beruflich ein Dreamteam. Mit Cotiere haben sie eine Marke gegründet, die diese stilvolle Lockerheit widerspiegelt. Im Interview verraten die beiden, ob es noch immer zu deutsch-australischen Kulturschocks kommt, wie sie gegenseitig ihren Kleidungsstil beeinflussen und wohin es mit Cotiere als nächstes gehen soll.
FACES: Cheyenne, du kommst ursprünglich aus Australien. Was ist bis heute der größte Kulturschock, den du in Berlin erlebt hast?
Cheyenne Tulsa: Der größte Kulturschock, den ich in Berlin immer noch erlebe, ist die Unverblümtheit und Direktheit der Deutschen. Das nennt man ja auch die „Berliner Schnauze“. Daran muss ich mich immer noch gewöhnen – und an das Wetter. Als Australierin ist und bleibt der Berliner Winter ein Schock.
F: Marcel, was an Berlin hat deine Sicht auf Stil und Ästhetik am stärksten geprägt?
Marcel Porcher: Einer der wichtigsten Aspekte der Mode ist die Freiheit, sich selbst zu sein, und ich finde, Berlin verkörpert genau das. Hier ist Platz für alle. Es ist genau diese Offenheit, die meine Sicht auf Stil und Ästhetik beeinflusst.
F: Und was war für euch beide der unerwartetste Kulturschock, den ihr in Bezug aufeinander erlebt habt?
CT: Wir haben zwar unterschiedliche Hintergründe, sind uns aber auf unsere eigene Art sehr ähnlich, daher habe ich mit Marcel keinen großen Kulturschock erlebt – außer, dass Lüften für ihn eine ernste Angelegenheit ist und dass es manchmal zu lustigen sprachlichen Missverständnissen kommt.
MP: Ja, die Mischung aus Englisch und Deutsch kann ganz schön interessant sein. Cheyenne schaut außerdem immer in ihre Schuhe, bevor sie sie anzieht. Dann muss ich sie daran erinnern, dass es in Deutschland keine giftigen Spinnen gibt.
F: Habt ihr Lieblingsorte und Tipps für Berlin, die ihr uns verraten wollt?
CT: Mimi’s ist ein wahres Juwel von einem Laden für wunderschöne und einzigartige Vintage-Stücke. Bei Ari’s findet man eine moderne Interpretation von Diner-Küche mit lateinamerikanischem Touch. Die Atmosphäre ist toll und die Sandwiches sind super. Bei La Lupa gibt’s klassische Pasta und Gerichte nach römischer Art. Für uns gehört das zu den besten authentischen italienischen Restaurants der Stadt. Guten Kaffee findet man bei Early Bird, Acid Cafe und Passenger. Marcel verträgt kein Gluten, daher ist Partenope 081 unser Lieblingsort für eine köstliche glutenfreie Pizza nach neapolitanischer Art. Aera ist ein Muss für alle, die eine glutenfreie Bäckerei suchen. Und zum Schluss Heideglühen – wenn man im Sommer eine richtig gute Party im Freien feiern will.
„Der größte Kulturschock, den ich in Berlin immer noch erlebe, ist die Unverblümtheit und Direktheit der Deutschen.“
F: Ihr habt gemeinsam euer Kleiderlabel Cotiere gegründet. Welche Wörter beschreiben die Marke am besten und wie wollt ihr, dass sie wahrgenommen wird?
CT: Wir wollten, dass die Marke zeitlos, vielseitig und handwerklich hochwertig ist. Im Moment arbeiten wir an einem Relaunch, daher wird sich auch ändern, wie wir uns die Wahrnehmung von Cotiere wünschen. Unsere Liebe zum Handwerk wird jedoch immer bestehen bleiben, ebenso wie unser Ziel, einen Raum zu schaffen, in dem sich jeder repräsentiert, selbstbewusst und sexy fühlt.
F: Welche Art von Menschen möchtet ihr mit Cotiere – im wahrsten Sinne des Wortes – anziehen?
CT: Wir haben SurferInnen, SkateboarderInnen, DJs, SchauspielerInnen und sogar SchülerInnen auf der Straße gesehen, die alle unsere Kleidung tragen. Es war so cool zu sehen, wie Cotiere in ihr Leben und ihren persönlichen Stil passt. Das unterstreicht die Vielseitigkeit unserer Stücke und bestärkt uns in der Überzeugung, dass Mode für alle da ist, unabhängig von Herkunft, persönlichem Style, Körperform oder Lebensstil.
F: Wie viel Australien und wie viel Deutschland steckt in Cotiere?
CT: In Australien herrscht eine sehr lockere Atmosphäre. Wir ziehen uns gerne schick an, fühlen uns aber barfuß genauso wohl. Diese entspannte Einstellung hat Cotiere und unsere erste Kampagne stark geprägt. Wir wollten, dass unsere Kleidung bodenständig wirkt und nichts allzu Ernstes an sich hat. Das spiegelt wider, wer Marcel und ich sind.
MP: Deutschland kommt weniger zum Ausdruck bei Cotiere. Als Kind, das in Deutschland aufgewachsen ist, war ich Profi-Skateboarder, und in der Skateboard-Szene spielte der Stil eine große Rolle. Es gibt eine Szene in einem Skatefilm namens „The End“, in der Heath Kirchart und Jeremy Klein in Anzügen Skateboard fahren. Diese Szene hatte einen bedeutenden Einfluss auf meine Vision für die erste Kollektion von Cotiere, insbesondere auf unseren übergroßen Nadelstreifenanzug.
F: Was steht bei Cotiere als nächstes an?
CT: Vor etwa einem Jahr haben wir beschlossen, bei Cotiere eine Pause einzulegen. Wir wurden nur vier Wochen nach dem Start von Cotiere zum ersten Mal Eltern und mussten eine Auszeit nehmen, um alles unter einen Hut zu bringen. In dieser Zeit wurde uns klar, dass einige interne Veränderungen nötig waren, um die Marke langfristig zu sichern – daher erwies sich die Pause als echter Glücksfall. Marcel wird weiterhin die geschäftliche Seite leiten, aber das bedeutet, dass ich nun die volle kreative Leitung habe. Ich bereite einen Relaunch vor, der auf eine bewusstere, langfristige Vision ausgerichtet ist. Neue Energie, eine neue Geschichte, ein neuer Stil und sogar ein neuer Name, der sich dieses Mal noch authentischer anfühlt. Ich beginne gerade, mit einigen fantastischen KunsthandwerkerInnen zusammenzuarbeiten, um unsere neue Kollektion zu entwerfen, die sich ausschließlich auf Damenmode konzentrieren wird, insbesondere Handtaschen, Oberbekleidung und Accessoires. Neben der Mode freue ich mich auch darauf, andere Projekte in der Kunst- und Musikszene zu erkunden, die ich bisher zurückgestellt hatte. Ich denke, das passt gut zu den Zukunftsplänen und ermöglicht es mir, auf andere Weise kreativ zu sein. In den nächsten Jahren würde ich mir wünschen, dass Cotiere 2.0 zu einem festen Begriff in der Modebranche wird.
„Ich versuche, mit meinen Inhalten so authentisch wie möglich zu bleiben, denn dann macht Social Media viel mehr Spaß.“
F: Was ist schwieriger: Eine romantische Beziehung mit dem Beruf unter einen Hut zu bringen oder das Familienleben mit dem Beruf?
CT: Beides ist schwer, aber Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist schwieriger. Ein Kind verlangt einem so viel ab, während in einer romantischen Beziehung zwei Erwachsene ihre Bedürfnisse kommunizieren und berufliche Grenzen setzen können – aber wenn es um die Familie geht, verschwimmen all diese Grenzen.
F: Cheyenne, ein großer Teil deiner Arbeit besteht darin, in den sozialen Medien präsent zu sein. Wie ist dein Verhältnis zu Instagram und ähnlichen Plattformen – und wünschst du dir manchmal, du könntest einfach mal offline gehen?
CT: Wir leben in einer Zeit, in der jeder online ist, besonders wenn man sein eigenes Unternehmen führt. Einerseits ist es cool, dass man Zugang zu so vielen Menschen hat und sein Handwerk mit der Welt teilen kann, aber es kann auch sehr anstrengend sein. Es gibt so viel sich wiederholenden Quatsch da draußen, also setze ich mir, anstatt zu verschwinden, gesunde Grenzen, gehe raus und pflege menschliche Kontakte. Ich versuche, mit meinen Inhalten so authentisch wie möglich zu bleiben, denn dann macht Social Media viel mehr Spaß.
F: Wie beeinflusst deine Arbeit deinen persönlichen Stil – und umgekehrt?
CT: Ich glaube, mein persönlicher Stil beeinflusst meine Arbeit, wenn ich den Designprozess damit beginne, mich zu fragen: „Was möchte ich tragen?“ oder „Würde ich das tragen?“ Das ist für mich ein einfacher Ausgangspunkt, weil ich weiß, was mir gefällt und was nicht. Was den Einfluss meiner Arbeit auf meinen Stil angeht, so lasse ich mich von so vielen Quellen inspirieren, darunter Bücher über Modegeschichte, Textilien und Farben sowie Filmklassiker wie „Mulholland Drive“, „Blow Up“, „Buffalo 66“ und „Paris, Texas“. Dank meines Vaters habe ich zu Hause auch eine fantastische Bibliothek voller Mode- und Fotobücher aus den 1960er-Jahren bis in die frühen 2000er-Jahre. Zum Beispiel „Fruits“, ein legendäres japanisches Streetstyle-Buch, sowie Bücher von Corinne Day, Guy Bourdin, Helmut Newton und Ed Templeton. The list goes on! Durch diesen kreativen Prozess, bei dem ich Inspiration für neue Entwürfe finde, färbt das Ganze allmählich auf meinen persönlichen Stil ab.
F: Was habt ihr in Sachen Style voneinander übernommen?
CT: Es gab eine Zeit, in der ich mich ziemlich auffällig gekleidet habe, aber mittlerweile liebe ich den Jeans-und-T-Shirt-Stil von Marcel. Viel minimalistischer, aber mit einem coolen Statement-Stück wie einer Tasche, Schuhen, einem schönen Mantel oder einem Blazer aufgepeppt.
MP: Das ist lustig, denn ich habe mich eigentlich immer in Jeans und T-Shirt gekleidet, aber als ich Cheyenne kennenlernte, fing ich an, mir etwas mehr Mühe mit meinem Stil zu geben und entwickelte eine Vorliebe für Oversized-Anzüge und Blazer.
„Ich würde gerne Kate Moss’ Kleiderschrank plündern.“
F: Dein lustigster Mode-Fauxpas?
CT: Wow, wo soll ich da anfangen? Manchmal stoße ich auf ein altes Streetstyle-Foto von mir und erschrecke mich zu Tode. Früher habe ich diese glänzende, holografische Birkin-ähnliche Tasche überall hin mitgeschleppt und jede Menge knallige Farben und grafische Muster getragen, die ziemlich fragwürdig waren.
F: Welches Teil aus dem Kleiderschrank einer anderen Person würdest du sofort klauen?
CT: Ich würde gerne Kate Moss’ Kleiderschrank plündern. Vielleicht eines ihrer legendären Slip-Kleider aus den Neunzigern oder einen ihrer Vintage-Mäntel aus Kunstfell mit Leopardenmuster.
F: Welche Modetrends liebst du gerade besonders und welche magst du überhaupt nicht?
CT: Es gibt gerade ein riesiges Comeback der High-Low-Mode, was ich liebe: Secondhand- und Vintage-Teile mit neuen zu kombinieren. Ich ziehe mich gerne so an. Es ist auch eine super Möglichkeit, cleverer einzukaufen und sich gleichzeitig mit Charakter zu kleiden. Was Trends angeht, die ich nicht mag – ich weiß nicht, ob das wirklich ein Trend ist, aber was ist los mit einigen dieser Fast-Fashion-Marken, die ihre Kleidung mit großen Rissen und Löchern verzieren? Ist das jetzt die sogenannte „Recession Core“?
F: Was steht auf deiner Bucket List – beruflich, privat oder beides?
C: Der Neustart und die Umsetzung weiterer persönlicher Projekte in den Bereichen Kunst und Musik. Marcel und ich vermissen auch wärmeres Wetter und würden unsere Tochter gerne am Meer großziehen, deshalb wollen wir uns etwas Zeit nehmen, um herauszufinden, wo unser zweites Zuhause sein könnte. Vielleicht Portugal? Mal sehen, was die Zukunft bringt – wir sind beide gespannt auf das, was kommt, also bleibt dran!
Cotiere
A coastal state of mind – so beschreibt sich das von Cheyenne Tulsa und Marcel Porcher gegründete Label Cotiere. Dieses Mindset kommt ganz natürlich, denn Model und Influencerin Cheyenne ist gebürtige Australierin und weiß, wie man sich das Leben am Strand schön – und stilvoll – gestaltet. Gerade steht das Label an einem Wendepunkt: Ein Relaunch ist geplant. Stay tuned. @cotiereofficial
Wie sich die beiden als Models bei unserem Shooting mit Persol machten, kannst du hier anschauen.
Bleib auf dem Laufenden und verpass nicht, wie es mit Cotiere weitergeht!
Foto: ©Maximilian Marx






