Sie studierten zusammen, feierten zusammen – und eroberten die Modewelt im Sturm. 40 Jahre nach ihrem internationalen Durchbruch widmet das Modemuseum MoMu in Antwerpen Ann Demeulemeester, Dirk Bikkembergs, Dries Van Noten, Walter Van Beirendonck, Marina Yee und Dirk Van Saene erstmals eine große Ausstellung.

2026 ist ein besonderes Jahr für die belgische Modeszene. Vor genau 40 Jahren sorgte eine lose Gruppe junger DesignerInnen aus Antwerpen bei der British Designer Show in London für Furore. Was damals als improvisierte Reise einiger AbsolventInnen der Königlichen Akademie der Schönen Künste begann, entwickelte sich zu einem der prägendsten Kapitel der modernen Fashiongeschichte. Das Modemuseum Antwerpen (MoMu) feiert dieses Jubiläum mit der ersten umfassenden Retrospektive über die Antwerp Six.

Wer sind die Antwerp Six?
Wer diese Generation von ModemacherInnen begreifen will, muss ins Antwerpen der späten 1970er Jahre zurückreisen. Während Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in London zeigen, wie chic le freak, beziehungsweise le punk, sein kann, entwickelt sich in der Scheldestadt eine pulsierende, experimentelle Kunstszene. In Bars, Clubs und besetzten Häusern treffen Punks auf New Romantics, Drag Queens auf Kunstakademie-Studierende und sie alle lassen es freilich bunt zugehen. So auch im Cinderella’s Ballroom, einem Establishment, in dem die zukünftigen Antwerp Six Stammgäste sind. In diesem Klima studieren Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee in der Modeabteilung der Königlichen Akademie in Antwerpen. Dort geraten die jungen DesignerInnen zunehmend mit der traditionellen Modeauffassung ihrer Lehrkräfte aneinander und fordern eine zeitgemäßere, experimentellere Ausbildung. Heute versteht man sie als wichtige Vertreter der belgischen „Konzeptualisten-Mode”, bei der die Idee hinter einem Entwurf oft mehr Gewicht hat als dessen reine Schönheit.


Der goldene Faden: Das Textil-Plan-Wunder
Als die sechs in den frühen 1980ern ihren Abschluss machen, ist die wirtschaftliche Lage alles andere als rosig: Belgiens Bekleidungsindustrie steckt in der Krise. Doch nach einem Report der Strategieberatung McKinsey lanciert die Regierung einen Fünfjahres-Textilplan, der alles verändert. Kaat Debo, Chefkuratorin des MoMu, nennt ihn den „Marshallplan der belgischen Modeindustrie“. Mit dem Wettbewerb „Goldene Spindel“ („De Gouden Spoel“) erhalten junge belgische DesignerInnen plötzlich genau das, was ihnen bislang gefehlt hatte: Sichtbarkeit. 1982 gewinnt Ann Demeulemeester die erste Ausgabe. 1983 triumphiert Dirk Van Saene. 1985 holt Dirk Bikkembergs den Sieg mit einer innovativen Männerkollektion. Bereits 1984 reisten die späteren Antwerp Six im Rahmen des Wettbewerbs nach Japan. Dort begegneten sie der radikalen Ästhetik von Comme des Garçons, die einen großen Eindruck hinterließ.
Es ist Geert Bruloot, Mitgründer des Antwerpener Avantgarde-Schuhgeschäfts Coccodrillo, der schließlich die zündende Idee hat. Er will Bikkembergs‘ Schuhkollektion nach London zur British Designer Show bringen, die damals eigentlich nur Briten vorbehalten ist – und erkennt schnell, dass die anderen fünf mit müssen. Nur Demeulemeester, die kurz vor der Geburt ihres ersten Kind steht, bleibt in Belgien, schickt aber ihr Sonnenbrillen-Projekt mit Bruloot nach London

London, 1986: Der Moment, der alles verändert
Der Stand, der den frischgebackenen Kunstakademie-AbsolventInnen im Olympia Exhibition Centre zugeteilt wird und den sie sich aus finanziellen Gründen teilen, ist denkbar ungünstig: zweites Stockwerk, zwischen Brautkleidern, 64 Quadratmeter für sechs Kollektionen. Doch die NachwuchsdesignerInnen behalten einen kühlen Kopf. Sie drucken prompt eigene Flyer und die KäuferInnen lassen nicht lange auf sich warten. Genauso wenig wie der Erfolg. Dries Van Noten verkauft seine Kollektion an das renommierte Kaufhaus Barneys New York. Danach geht alles blitzschnell: die Kollektionen der sechs Talente werden in renommierten Magazinen wie The Face, i-D, Elle UK und Harpers & Queen abgedruckt. Und innerhalb weniger Jahre gelten die Newcomer als festen Größen auf den Laufstegen von London und Paris.
Was die kreativen Köpfe vereint, ist nicht etwa eine gemeinsame Ästhetik – die gibt es nicht –, sondern eine ausgeprägte, fast schon guerillaartige Do-it-yourself-Mentalität, die sich an handwerklicher Präzision und konzeptioneller Tiefe orientiert. Für die internationale Presse ist ihr Auftritt so neu und aufregend, dass sie sich einen gemeinsamen Namen einfallen lassen: The Antwerp Six. Das nicht zuletzt, weil die flämischen Namen für viele Nicht-BelgierInnen schwer zu merken, geschweige denn auszusprechen sind. „Die Antwerp Six haben in der Form, in der wir sie uns vorstellen, eigentlich nie existiert“, sagt MoMu-Kuratorin Romy Cockx. „Sie haben sich an der Akademie kennengelernt, aber als sie gemeinsam nach London gingen, waren es nur drei Jahre, in denen sie wirklich zusammen präsentierten. Es ist ein bisschen ein Mythos, der weitergelebt hat.“
Dass man ihnen ein Label gibt, obwohl sie weder als Kollektiv arbeiten noch ein gemeinsames Haus aufbauen, diente den sechs DesignerInnen, auch wenn bei ihnen nicht immer von Begeisterung die Rede sein konnte. Wie der Designer und ehemalige Walter-Van-Beirendonck-Praktikant Raf Simons gegenüber dem Modemuseum erklärt, war die Bezeichnung in seinen Augen vor allem eines: „gutes Marketing“. Aber keiner von den sechs habe nur aufgrund der Gruppe Erfolg gehabt, „sondern weil sie als Individuen stark genug waren, um loyale AnhängerInnen zu gewinnen“.
Die sechs Köpfe hinter dem Mythos
Ann Demeulemeester: Die Poetin der Mode
Ann Demeulemeester spricht von Mode als komplexe Sprache, die Introspektion erfordert. Inspiriert von Musikerinnen wie PJ Harvey oder Patti Smith (besonders das Cover des Albums „Horses” habe es ihr angetan) und dem Dichter Arthur Rimbaud ist Demeulemeesters Name heute synonym mit der belgischen Avantgarde. Schon ihre erste Pariser Womenswear-Show 1992 war ein Triumph – die Presse taufte sie „Queen Ann“ und „Ann of Antwerp“. Ihre Entwürfe beschäftigten sich häufig mit Themen wie Metamorphose, Identität, Androgynie und Sexualität. 2013 verließ die 66-Jährige ihr gleichnamiges Label und entwirft seitdem Porzellan, Möbel und Leuchten ganz in jener charakteristisch dunklen Melancholie, für die man sie kennt und liebt.


Dries Van Noten: Der Meister der Prints
Dries Van Noten gilt als das kommerziell erfolgreichste Mitglied der Antwerp Six. Er wurde bekannt für meisterhafte Stoffkombinationen, kunstvolle Muster und luxuriöse Stickereien. Statt kurzfristigen Trends folgt er einer eigenen kreativen Sprache, die von Reisen und Kultur geprägt ist. Nach mehr als vier Jahrzehnten an der Spitze seines Labels zog sich der heute 68-Jährige 2024 als Kreativdirektor zurück. Sein Auge für Schönheit müssen wir dennoch nicht missen: Im April 2026 eröffnete der kreative Visionär die Kulturstiftung Fondazione Dries Van Noten in Venedig.

Walter Van Beirendonck: Das Enfant terrible
Bereits in den 1980er-Jahren ließ Van Beirendonck Themen wie die Umwelt, Queerness, Rassismus und AIDS in seine farbenfrohen Entwürfe einfließen. Lange bevor der Rest der Modewelt so weit war. Heute prägt er als langjähriger Leiter der Modeabteilung seiner Alma mater junger DesignerInnen und gilt als Schlüsselfigur der belgischen Modeszene. Neben seinem eigenen Label hat er dabei immer wieder kommerzielle Projekte umgesetzt, darunter für Marken wie Eastpak, G-Star, Mustang und Ikea. Fun Fact: 1997 entwarf Beirendonck die Bühnenkostüme für die Popmart-Welttournee der irischen Band U2 und verwandelte die Musiker in farbenfrohe, muskulöse Action-Figuren. Auch außerhalb seiner Tätigkeit als Designer bleibt der Erfolg nicht aus: 2001 initiierte er das halbjährlich erscheinende Modemagazin A Magazine curated by, das heute noch erscheint. An der politischen Positionierung des heute 69-Jährigen hat sich nichts geändert. So trugen die Models während seiner Show an der Paris Fashion Week 2025 als Protest gegen Trump Badges mit der Aufschrift „peace, not war“, während „Give Peace a Chance“ von John Lennon und Yoko Ono im Hintergrund lief. Er und Dirk Van Saene sind seit ihrer Studienzeit, also seit fast fünf Jahrzehnten, ein Paar.


Dirk Van Saene: Der Unberechenbare
Dirk Van Saene war stets der Freigeist der Gruppe. Seine Kollektionen verbanden Surrealismus, Humor und handwerkliche Präzision auf einzigartige Weise. Er liebt Trompe-l’Œil-Effekte, ungewöhnliche Materialien und überraschende Proportionen. Während andere DesignerInnen klare Markencodes entwickelten, blieb Van Saene bewusst unvorhersehbar. Kurz nach seinem Abschluss an der Modeabteilung der Akademie in Antwerpen im Jahr 1981 eröffnete Van Saene sein eigenes Geschäft, „Beauties & Heroes“. 2020 schloss er seine Laufbahn als Designer mit einer gefeierten Kollektion ab und hat seitdem das Töpfern für sich entdeckt. In Bezug auf die Modewelt sagte der 67-Jährige zu Die Presse: „Für mich fühlt es sich so an, als sei die ganze Magie weg – allein die Tatsache, dass wir früher nach den Schauen Monate auf die Magazine warten mussten, um die Kollektionen sehen zu könnten. Heute sind sie oft schon verkauft, wenn sie am Laufsteg auftauchen.“


Dirk Bikkembergs: Der Couturier für The Beautiful Game
Schon bevor Athleisure zum globalen Trend wurde, stellte Bikkembergs den sportlichen Männerkörper ins Zentrum seiner Entwürfe (sogar etwas obsessiv, würden böse Zungen behaupten). Seine robusten Lederschuhe wurden Ende der Achtzigerjahre Kult. Später revolutionierte der Belger mit dem Konzept der „Sport Couture“ die Herrenmode und war einer der ersten Designer überhaupt, der eng mit Profifußballteams zusammenarbeitete. So fungierte der Sohn eines belgischen Vaters und einer deutschen Mutter von 2003 bis 2005 als offizieller Designer für den italienischen Spitzenclub Inter Mailand und erwarb 2005 den italienischen Amateurclub FC Fossombrone, den er in F.C. Bikkembergs Fossombrone umbenannte und als Testlabor für seine Sportkollektionen nutzte. In einem Interview mit dem Wanderful Magazine nannte der 67-Jährige Designer „Nike, Bruce Weber und Giorgio Armani“ als seine Haupteinflüsse. Im Jahr 2011, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, verkaufte Dirk Bikkembergs sein Unternehmen und hat sich weitgehend aus der glitzernden Modewelt zurückgezogen.

Marina Yee: Die Visionärin des Upcyclings
Lange bevor Begriffe wie Circular Fashion oder Upcycling zum festen Vokabular der Modeindustrie gehörten, arbeitete die Belgierin mit bereits existierenden Kleidungsstücken. Sie suchte auf Flohmärkten, in Secondhand-Läden oder sogar auf Müllhalden nach vergessenen Textilien und verwandelte diese in neue, individuelle Kreationen. Sie nähte Stofffetzen zusammen, trug Hemden verkehrt herum, Unterwäsche oberhalb der Kleidung, ließ Säume bewusst offen und Fäden hängen. Es war übrigens auch Yee, die in London 1986 den entscheidenden Impuls gab: Als die Gruppe ungünstig im Obergeschoss des Olympia Exhibition Centre platziert wurde, entdeckte sie einen Kopierer, schnappte sich Klebeband und trommelte die anderen mit dem Ruf „We’re all going to be famous!“ zusammen. 1988 erlebte sie jedoch einen schmerzhaften Moment. Bei der Debütshow ihres On-and-Off-Liebhabers Martin Margiela erkannte Yee viele Gestaltungselemente wieder, die BeobachterInnen später mit ihrer eigenen Arbeit in Verbindung brachten – von den asymmetrischen Schnitten bis zu Layering-Techniken und den Models, die ihr zum Verwechseln ähnlich sahen. Während Margiela zum Star der Avantgarde avancierte, geriet ihr eigener Beitrag lange in den Hintergrund. Nachdem sie dann zunächst für Marken wie Gruno & Chardin arbeitete, gründete Yee 1986 ihre eigene Linie Marie, die sie bis 1990 leitete und lehrte später an renommierten Institutionen wie dem Saint-Luc-Institut in Tournai. Nach Jahren außerhalb der Fashion-Welt, in der sie Theaterkostüme entwarf und ein Café in Brüssel eröffnete, kehrte das Zeichentalent 2021 mit ihrem Label M.Y. Collection zurück und machte Upcycling zum Kern ihrer Arbeit. Marina Yee starb im November 2025 im Alter von 67 Jahren an einer Krebserkrankung. „Ihr Werk war radikal ehrlich, poetisch und geprägt von Respekt gegenüber Mensch und Material“, würdigte sie MoMu-Direktorin Kaat Debo.


Warum waren die Antwerp Six so revolutionär?
In den 1980er-Jahren dominierte in der Mode oft Statusdenken und kommerzieller Luxus. Von Trends wie Oversized-Schultern, Power Dressing und Neonfarben ganz abgesehen. Die Antwerp Six setzen dem eine völlig neue Haltung entgegen. Sie verstanden Mode nicht als Konsumprodukt, sondern als kulturelles Ausdrucksmittel. Ikonen wie Claude Montana, Thierry Mugler und Jean Paul Gaultier lebten den jungen BelgierInnen zwar vor, dass Mode mehr sein kann als schöne Kleidung, die Gruppe ging jedoch noch einen Schritt weiter: Statt spektakuläre Inszenierungen oder Glamour in den Mittelpunkt zu stellen, entwickelte sie eine intellektuelle Form von Mode. Ihre Entwürfe waren stärker von Kunst, Musik und Literatur geprägt als von den klassischen Luxusvorstellungen, die ihnen während des Studiums nahegebracht wurden. Künstler wie The Cure, Joy Division, Nick Cave, David Bowie, Kraftwerk und Einstürzende Neubauten prägten das kreative Wirken der Antwerp Six entscheidend mit. Diese kreative Unabhängigkeit machte die heutigen Modegiganten zu Wegbereitern einer neuen Generation von DesignerInnen. Ähnlich wie die japanischen Avantgardisten Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo (Comme des Garçons) einige Jahre zuvor bewiesen Ann Demeulemeester, Dirk Bikkembergs, Dries Van Noten, Walter Van Beirendonck, Marina Yee und Dirk Van Saene, dass Mode emotional und gleichzeitig tragbar sein kann.

Was bleibt: Das Erbe der Antwerpener Sechs
Der vielleicht größte Erfolg der Antwerp Six liegt darin, dass ihre Wirkung weit über ihre eigenen Karrieren hinausreicht. Sie etablierten Antwerpen als wichtige Modestadt und schufen den internationalen Ruf der Antwerp Fashion Academy, die bis heute als Talentschmiede gilt. Ihr Erbe ist direkt greifbar in den Karrieren derjenigen, die nach ihnen kamen: Matthieu Blazy bei Chanel, Glenn Martens bei Maison Margiela und Diesel, Anthony Vaccarello bei Saint Laurent, Demna Gvasalia bei Gucci, Meryll Rogge – sie alle haben an der Antwerpener Akademie oder an der Brüsseler La Cambre Mode[s] studiert.

Die Ausstellung
Bei der Jubiläumsausstellung im MoMu handelt es sich um die erste, die allen sechs DesignerInnen gewidmet ist, die Antwerpen 1986 auf die globale Modekarte katapultierten. Gleichzeitig werden deren unterschiedliche Profile anerkannt, indem jedem Talent ein eigener Raum gewidmet wird.

Noch bis zum 17. Januar 2027 kann die Schau bewundert werden. Bis dahin steht Antwerpen ohne Frage auf der Reise-Liste unserer Redaktion.
Hier erfährst du alles über die großartige Ausstellung im MoMu – und kannst dir natürlich gleich die passenden Tickets holen.
Fotos: ©MoMu
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