Wir haben drei der wichtigsten deutschen ModesammlerInnen getroffen und ihre Schätze bestaunt. Lindiwe Suttle Müller-Westernhagen bewahrt ihre Alaïa-Sammlung in einem alten Klosterschrank auf. Im Interview erzählt sie, wie die Liebe zu Alaïa begann und warum ihr Archiv tatsächlich auch mal ausgemistet werden muss.


FACES: Du bist 2010 nach Berlin gezogen und hast zeitgleich begonnen, Alaïa zu sammeln. Gibt es einen Zusammenhang?
Lindiwe Suttle Müller-Westernhagen: Tatsächlich, mein Mann – Marius Müller-Westernhagen – sagte damals zu mir, er kenne den perfekten Designer für mich. Mir war Alaïa natürlich aus „Clueless“ – „It’s an Alaïa!“ – bekannt, aber tiefer hatte ich mich mit den Designs nicht auseinandergesetzt. Mein erste Errungenschaft war nichts Extravagantes; ein einfacher schwarzer Blazer. Doch der Schnitt und das Material begeistern mich bis heute. Was bei Azzedine Alaïa zudem häufig vergessen wird: Er war ein afrikanischer Designer. Oft wird er als Pariser bezeichnet, aber er war auch Afrikaner. Wie er aufwuchs, was er sah, welche Farben ihm begegneten und auch die Kultur, in der er lebte – es steckt in allem, was er kreierte.
F: Heute besitzt du Hunderte seiner Entwürfe. Sammelst du eine bestimmte Ära?
LSMW: Meine Lieblingsstücke stammen aus der Zeit, als Alaïa noch in seinen Anfängen war – den frühen Neunzigern und davor; besonders die Kollektionen von ’86, ’87. Er hatte zuvor mit Thierry Mugler gearbeitet, der ihm selbst zum eigenen Label riet. Viel seiner Handwerkstechnik stammte aus der Zeit; zudem prägte ihn bereits das Kabarett „Crazy Horse“. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen muss er seine Ideen für Drapierungen und Formen geschärft haben. Die Art, wie er mit Korsetts arbeitete, passt zu jedem Körper. Es ist sowieso das Gefühl beim Tragen, worum es bei seinen Kreationen geht.
F: Warum? Was haben dir seine Entwürfe beigebracht?
LSMW: Selbstbewusstsein. Eigentlich paradox: Es handelt sich „nur“ um Kleidung; Dinge, in die wir unsere Körper hüllen. Doch die Entwürfe von Alaïa bringen mich dazu, meine Schultern zurück zu nehmen und meinen Kopf aufrecht zu halten. Ich genieße die Momente, in denen ich seine Kreationen trage. Natürlich habe ich schon versucht, Stücke aufzusparen. Aber dann frage ich mich jedes Mal: Wofür eigentlich? Es gibt dieses außergewöhnliche Kostüm vom Laufsteg, das aus fünf Einzelstücken und einer Krone besteht. Auch das habe ich schon ausgeführt, obwohl es schwer fällt, darin zu laufen.

„Einige meiner Archivstücke habe ich schon in der ,Fondation Azzedine Alaïa‘ gesehen.“
F: Auch zu deiner Hochzeit trugst du ein Kleid von Alaïa.
LSMW: Eigentlich wollte ich in einem schwarzen Kleid von Comme des Garçons heiraten, aber das lag außer Reichweite. Stattdessen kaufte ich einen weißen Anzug von Alexander McQueen, stolperte danach aber noch auf Ebay über ein Kleid aus Hemdstoff von Alaïa – und bestellte es. Als es schließlich vor mir lag, sah es nicht nach viel aus. Doch die Raffungen und Nähte, die Streben des Korsetts, machten daraus eine märchenhafte Robe. Erst als sie am Körper saß, konnte man die Kreation verstehen.
F: Sammelst du neben Alaïa noch weitere DesignerInnen?
LSMW: Ich habe einige Runway-Looks von Alexander McQueen, auch frühes Dolce & Gabbana. Eine richtige Sammlung kommt sonst nur mit Cowboystiefeln zusammen. Ich besitze rund 50 Paar; old-school Rodeo-Boots aus Texas. Der Prozess des Einlaufens ist für mich eine Wertschätzung des Handwerks – und lässt sie in gewisser Weise zu einem Teil von mir werden. Auch sie machen etwas mit der Haltung: Ich habe ein weiches Paar, das mich fast schweben lässt; in einem robusteren Exemplar marschiere ich eher.
F: Im letzten Jahr brachtest du das Kinderbuch „Naya“ raus. Spielt auch hier Mode eine Rolle?
LSMW: In „Naya“ geht es um ein Mädchen, das aufgrund ihrer Haare gemobbt wird. Für Lesungen bin ich viel in Kindergärten und Schulen unterwegs – und hier nimmt Mode einen wichtigen Platz ein. Für die Besuche leihe ich mir oft Designs aus einem Berliner Privatarchiv; zuletzt ein Kleid mit Schwimmring-Detail von Moschino. Einmal trug ich verrückte Schuhe und ein Mädchen sagte: „Sie sind magisch.“ Mode schafft eine neue Ebene der Fantasie.
F: Wie malst du dir die Zukunft deines Privatarchivs von Alaïa aus?
LSMW: Ich bin in der Marie-Kondō-Ära angekommen – und sollte mich von einigen Stücken trennen. Vorher wäre noch eine Ausstellung interessant. Einige meiner Archivstücke habe ich schon in der „Fondation Azzedine Alaïa“ gesehen, aber auch über Paris hinaus könnte Nachfrage bestehen, die Kreationen aus der Nähe zu erleben.
Hier bleibst du up to date mit Lindiwe.
Auch Martina Lohoff hat ein wachsendes Archiv. Bei ihr findet man Céline-Schätze.
Auch Michael Kardamakis ist ein leidenschaftlicher Sammler. Er hat das größte Helmut-Lang-Archiv der Welt.






