Wir haben drei der wichtigsten deutschen ModesammlerInnen getroffen und ihre Schätze bestaunt. Michael Kardamakis führt das größte Helmut-Lang-Archiv der Welt aus einem Altbau voller Kleiderstangen. Im Interview erzählt er uns, wie es dazu gekommen ist und warum ihn die Designsprache von Helmut Lang nach wie vor fasziniert.

FACES: Was ist deine erste Erinnerung an Mode?
Michael Kardamakis: In meiner Jugend war ich Teil der Emo-Subkultur in dem Vorort von Athen, in dem ich aufwuchs. Dabei ging es viel um den richtigen Look. Mein erstes Sammelobjekt wiederum waren Vinyls, deren Cover ich auf Shirts drucken ließ. Da die Musik von nischigen US-Bands stammte, die ihre Platten noch im Wohnzimmer aufnahmen, gab es keinen offiziellen Merch. Sie definierten einen Sound, bevor er groß wurde. Damit ähnelte es schon dem, was ich heute tue – nach dem Original zu suchen; sozusagen der rarsten Version von dem, was Teil des heutigen Narratives ist.
F:Unter dem Namen „Endyma“ führst du heute das größte Helmut-Lang-Archiv der Welt in Berlin. Wie kam es dazu?
MK: Während meines Studiums der Kunstgeschichte setzte ich mich stärker mit Mode auseinander – und experimentierte mit dem Weiterverkauf. Darunter waren auch Stücke von Helmut Lang; wahrscheinlich hatte ich von ihm gelesen. Mir wurde schnell klar, dass ich mit seinen Designs gute Geschäfte machen konnte. Mein Interesse war anfangs eher kommerziell. Das war in den 2010er-Jahren; da waren die Neunziger in der Masse nicht angesagt. Ich war Niemand aus dem Nichts, aber ich fand etwas, das die Modebranche schon wieder interessierte. Aus dem Shop wurde ein Archiv, als vermehrt Anfragen von DesignerInnen kamen. Sie brauchten die Stücke nur kurz, da machte das Verleihen mehr Sinn. So konnte ich die Sammlung aufbauen.

F: Von Gucci über Bottega Veneta bis hin zu Phoebe Philo – die großen Luxushäuser suchen bei dir Inspiration. Welcher Besuch hat deine Arbeit besonders geprägt?
MK: Es gab damals kein Playbook, wie man ein Modearchiv führt. Ich fragte mich oft: Was ist richtig? Was ist falsch? Mein erster hoher Besuch war Peter Hawkings in seiner Zeit bei Tom Ford. Mit ihm zu arbeiten war einzigartig; er hat eine besondere Präsenz. Fast obsessiv bemerkte er all diese kleinen Details, die ich bis dahin gar nicht sah. Sprach über Stoffe und Schnitte… Wie ein Design symmetrisch wird, sobald man es trägt. Es war zwar meine Sammlung, aber er schätzte sie mehr. Ihn zu beobachten, zu sehen, wie er mit der Kleidung interagierte, schärfte mein Verständnis von Archivarbeit. Der Fortschritt von „Endyma“ ist auch ein Ergebnis davon, wie sich BesucherInnen mit Objekten auseinandersetzen.
„Ich mag die Widersprüche, für die Helmut Lang steht.“
F: Was ist das Alleinstellungsmerkmal von „Endyma“ als Modearchiv?
MK: Ich bin an Alltagskleidung interessiert. Das beinhaltet sehr Kompliziertes, das recht normal aussieht, aber auch Normales, das ungewöhnlich hergestellt wurde. Unsere Designs von Helmut Lang stammen aus der Zeit unter seiner Leitung, also Mitte der Achtziger bis 2005. Wir besitzen etwas über 3’000 Entwürfe von ihm. Seine Arbeit definiert unser Archiv, aber wir expandieren auch in andere Richtungen. Belgische DesignerInnen aus den Achtzigern, Neunzigern – mehr Drama, mehr Edge; auch japanische Entwürfe aus der Zeit – viel Farbe, ungewöhnliche Texturen. Dann italienische Brands aus den Siebzigern, Achtzigern, die das Konzept von Ready-to-wear geprägt haben, beispielsweise frühes Giorgio Armani. Wie Helmut Lang liebte er Alltagskleidung, verlieh ihr aber mehr Tiefe. Auch Militär-Ausstattung, ebenso Street- und Clubwear. Es geht um Stücke, mit denen sich Menschen identifizieren können.


F:Was fasziniert dich aus heutiger Sicht an den Designs von Helmut Lang?
MK: Ich mag seinen Ansatz – die Besessenheit vom Klassizismus. Diese Kombination aus Kühnheit und dem Selbstvertrauen eines Visionärs. Jemand, der nicht Teil der Branche war, jemand, der keine Modeausbildung hatte; der etwas aus reinster Zweckmäßigkeit tat. Gleichzeitig war er auch ein bisschen ahnungslos, fast naiv. Ich mag die Widersprüche, für die das Label steht.
F: Kürzlich zog auch das Archiv des deutsch-griechischen Designers Kostas Murkudis ein.
MK: Kostas kenne ich noch aus Athen – sein Archiv ist eine permanente Leihgabe. Es zeigt seine ersten Kollektionen. Davor war mir sein Effekt auf Helmut Lang [von 1985 bis 1993 war Kostas Murkudis dessen Assistent] nicht so bewusst. Die Arbeit von Kostas ist detaillierter, komplizierter; etwa Designs aus Ikea-Tüten oder mit Stoffen aus Glas. Es gibt viel, gerade im Kontext, zu entdecken. Das macht sowieso ein Archiv aus: das größere Bild zu sehen; unabhängig von einzelnen Saisons. Eine Entwicklung, Evolution sichtbar zu machen.
Hier kannst du virtuell ins Archiv gucken.
Auch Lindiwe Suttle Müller-Westernhagen sammelt fleißig, und zwar Alaïa.
Auch Martina Lohoff hat ein wachsendes Archiv. Bei ihr findet man Céline-Schätze.






